{"id":1033,"date":"2021-05-20T12:43:34","date_gmt":"2021-05-20T12:43:34","guid":{"rendered":"https:\/\/judithforgoston.com\/?p=453"},"modified":"2025-09-24T15:40:30","modified_gmt":"2025-09-24T15:40:30","slug":"of-rockets-and-flags","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.judithforgoston.com\/de\/2021\/05\/20\/of-rockets-and-flags\/","title":{"rendered":"Wo keine Flagge weht"},"content":{"rendered":"<p>In den Fr\u00fchlingsferien besuchten wir das Kennedy Space Center in Florida. Das erste, was einem beim Betreten des Gel\u00e4ndes ins Auge f\u00e4llt, sind die zahlreichen, im \u201eRocket Garden\u201c ausgestellten, Raketen. Grunds\u00e4tzlich interessiere ich mich f\u00fcr alles, was mit dem Weltraum zu tun hat, so sehr, dass meine Familie mich am KSC absetzen und n\u00e4chstes Jahr wieder abholen k\u00f6nnte. Und doch realisierte ich erst beim diesj\u00e4hrigen Besuch, dass die meisten dieser Raketen urspr\u00fcnglich als ballistische Rakete f\u00fcr den Transport von Atomsprengk\u00f6pfen konzipiert worden waren. Sie wurden w\u00e4hrend dem Space Race zur Zeit des Kalten Krieges gebaut -  einer Zeit, wo die USA und die Sowjetunion darum rangen, wer das Weltraum am schnellsten erforschen und erobern konnte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die meisten dieser Raketen waren zum T\u00f6ten gedacht. Doch brachten sie schlussendlich Menschen ins All. Die internationale Raumstation beherbergt heute Astronauten aus verschiedenen Nationen, darunter auch Teams, die aus den USA und Russland zusammenarbeiten. Wie wurde das m\u00f6glich?<\/p>\n\n\n\n<p>Als die politischen Spannungen der beiden L\u00e4nder nachzulassen begannen, verlagerte sich der Fokus der NASA und der CCCP (ihr sowjetisches Gegenst\u00fcck). Wenn Angst und Verteidigung in der Priorit\u00e4tenliste nach unten rutschen, \u00f6ffnet sich der Raum f\u00fcr Abenteuer und Exploration. F\u00fcr die Entdeckung des Weltraums. F\u00fcr die M\u00f6glichkeit, einen Fu\u00df auf den Mond zu setzen, und vielleicht eines Tages sogar auf den Mars. Gemeinsam an einer Aufgabe zu arbeiten, die f\u00fcr eine einzelne Nation ist zu gro\u00df. Der Ausl\u00f6ser f\u00fcr die Umwandlung von Raketen in Weltraumforschungsger\u00e4te war die Hoffnung auf Frieden. Mit dem Ende des Kalten Krieges wurde diese Hoffnung st\u00e4rker, und der Traum einer gemeinsamen Erforschung des Weltraums wurde Wirklichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich an diesem Fr\u00fchlingstag im Rocket Garden stand, dachte ich pl\u00f6tzlich nicht mehr an den Weltraum. Ich dachte an meinen Glauben. Wie dieses Prinzip nicht nur f\u00fcr den Weltraum, sondern auch f\u00fcr den Glauben gilt, und zwar noch mit viel gr\u00f6\u00dferen Konsequenzen. Solange wir mit Angst besch\u00e4ftigt sind und damit, die vermeintlichen Feinde unseres Glaubens zu bek\u00e4mpfen, werden wir religi\u00f6se Raketen bauen \u2013 Waffen, die verletzen und t\u00f6ten - und wir werden unf\u00e4hig sein, auf geistlicher Ebene auch nur den kleinsten Durchbruch zu erleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst wenn die Neugierde siegt, k\u00f6nnen unsere Gedanken zu den Sternen wandern und wir k\u00f6nnen gemeinsam an Errungenschaften arbeiten, die f\u00fcr uns alleine unerreichbar w\u00e4ren. Auf den Weltraum bezogen bedeutet das, Planeten zu erforschen. Auf die geistliche Welt bezogen bedeutet es die Erforschung des Friedens.<\/p>\n\n\n\n<p>Der deutsche christliche Theologe Siegfried Zimmer arbeitet seit Jahrzehnten mit muslimischen und j\u00fcdischen Theologen an verschiedenen Projekten zum Dialog der Religionen. Er hat ein Papier ver\u00f6ffentlicht, das \u00fcber mehrere Seiten lang grundlegende Glaubensaussagen bespricht, auf die sich namhafte Vertreter aller drei Religionen einigen k\u00f6nnen. Er pflegt langj\u00e4hrige Freundschaften mit Mullahs und Rabbinern aus aller Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem h\u00f6chst faszinierenden Vortrag sagte er k\u00fcrzlich, dass die grundlegendste Voraussetzung f\u00fcr jeden Dialog zwischen den Religionen der Wunsch ist, nach dem zu suchen, was uns eint, statt nach dem, was uns trennt. \"Bevor ein Christ auch nur eine Kritik am Koran lesen sollte, sollte er immer zuerst zwei positive B\u00fccher \u00fcber den Koran lesen m\u00fcssen.\"<\/p>\n\n\n\n<p>Worin besteht die Weisheit in diesem Ratschlag? Weil man, wenn man mit der Kritik und den Dingen, die uns trennen, beginnt, die Angst und das Misstrauen aktiviert. Und aus der Position der Angst heraus werden wir weiter metaphorische Raketen bauen, deren einzige Funktion das Zerst\u00f6ren ist. Aber wenn wir uns dem Unbekannten mit Neugier n\u00e4hern, dann wird die Vision gemeinsamen Bauens m\u00f6glich. Ein Beispiel daf\u00fcr ist die Organisation Parents Circle, eine religions\u00fcbergreifende Vereinigung von Pal\u00e4stinensern und Israeli. Um dieser Gruppe anzugeh\u00f6ren, muss man ein Elternteil eines Kindes sein, das dem gewaltsamen Konflikt der beiden Volksgruppen zum Opfer fiel. Zusammen arbeiten diese Eltern an Vergebung, Respekt und einem friedlichen Weg heraus aus dem jahrhundertealten Konflikt. Was sie bauen ist st\u00e4rker, als was Worte ausdr\u00fccken k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht denken Sie beim Lesen dieser Zeilen \u201eDas ist ja alles gut und sch\u00f6n, aber die Unterschiede sind einfach zu gro\u00df, und wir werden nie auf gleicher Augenh\u00f6he sein.\u201c Das liegt m\u00f6glicherweise daran, dass so vielen von uns (unbewusst) beigebracht wurde, sich auf die Verteidigung und den Schutz unseres Glaubens zu konzentrieren, anstatt ihn zu erforschen und zu feiern. Ich wei\u00df das, weil ich selbst viel zu lange mit dieser Denkweise gelebt habe. Ich war gegen so viele Dinge, von denen ich gar keine Ahnung hatte, dass es sowohl peinlich als auch traurig ist. Aber so muss es nicht bleiben!<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Sorge, die normalerweise formuliert wird, ist, dass mit der Suche nach Gemeinsamkeiten unser Glaube \"verw\u00e4ssert\" wird. Doch was, wenn es ihn stattdessen st\u00e4rker, liebevoller und erstrebenswerter machen w\u00fcrde? Bauen Sie lieber an einer Rakete, die Menschen t\u00f6tet, oder an einer, die sie auf den Mond schickt?  Vielleicht ist es an der Zeit, unsere geistlichen Bem\u00fchungen vom Verteidigen zum Erforschen zu verlagern \u2013 zusammen mit denen, die wir nicht verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterschiedliche Religionen sind jedoch nicht die einzigen Brutst\u00e4tten f\u00fcr Angst und Hass. In den USA geschieht im Moment zwischen den zwei politischen Parteien dasselbe, und auch gegen\u00fcber anderen L\u00e4ndern ist die Versuchung gro\u00df, sich lieber zu verbarrikadieren als den anderen einzuladen. Aber die vielleicht traurigste Form solch reaktion\u00e4ren Lebens ist, wenn Angst als Glaube getarnt wird. Wenn wir aufgrund arroganter und falscher Annahmen unser Land als Gottes auserw\u00e4hlte Nation bezeichnen und uns dem anschlie\u00dfen, was Brian Zahnd die \"Liturgie des Nationalismus\" nennt. Wenn unsere Flagge hinter Kanzeln weht, die eigentlich Gottes Liebe zu allen Nationen predigen sollten. Wenn Kirchen den Nationalismus feiern, anstatt ihn prophetisch herauszufordern. Und wenn Christen sich in politischen Gr\u00e4ben verirren und am Ende unbarmherzigen und hasserf\u00fcllten Politikern ins Amt helfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Besuch im Kennedy Space Center begann mit einer Lektion dar\u00fcber, wie allt\u00e4glich dieses Spannungsfeld um mich herum ist. Kurz vor Einlass um 10 Uhr, w\u00e4hrend Hunderte von Besuchern bereits Schlange standen, wurde \u00fcber den Lautsprecher die Nationalhymne abgespielt. Die Menschenmenge drehte sich um, Blick auf die Flagge gerichtet, die H\u00e4nde \u00fcber der Brust. Wie immer, wenn ich mit diesem Ausdruck nationaler Liturgie konfrontiert bin, f\u00fchlte ich mich unwohl. Ich habe keinen Wunsch, die Gef\u00fchle von irgendjemandem zu verletzen. Aber die ritualisierte Verehrung eines Symbols des Nationalismus geht so sehr gegen meinen Instinkt, dass ich mich nicht zum Mitmachen durchringen kann. Also stehe ich, unschl\u00fcssig, und versuche, den Moment zu mir sprechen zu lassen. Denn Flaggen und Hymnen sind nicht das einzige, das versucht, die Welt in \"wir und sie\" zu unterteilen. Der Instinkt, die Unterschiede zu erkennen, mag immer intuitiver bleiben als die Suche nach dem Gemeinsamen. Aber das Space Center ist gleichzeitig eine Erinnerung daran, dass selbst innerhalb dieser Spannung erstaunliche Dinge geschehen k\u00f6nnen. Obwohl die USA nicht widerstehen konnten, eine amerikanische Flagge auf den Mond zu stellen, feiern sie jetzt auch die internationalen wissenschaftlichen Fortschritte, die auf der ISS erzielt wurden. Es gibt Hoffnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht k\u00f6nnen wir aus der Tatsache lernen, dass es im Weltraum keine Luft gibt, um eine Flagge zu schwenken. Der Astrophysiker Neil DeGrasse Tyson jedenfalls hat dies treffend kommentiert. Mit gen\u00fcgend Neugier und Vertrauen k\u00f6nnen wir \u00fcber angstgetriebene Ph\u00e4nomene wie Nationalismus, Islamophobie oder Antisemitismus hinauswachsen - und durch die Entdeckung von Aspekten der Welt, die wir vorher nie wahrgenommen haben, tiefer und weiter in unsere eigene Kultur und unseren Glauben hineinwachsen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einer solchen Herzenshaltung wird der Friede zu einer Realit\u00e4t, welche die der Angst und Gewalt bei weitem \u00fcbertrifft.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:54px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Zur Vertiefung: Interview mit einem pal\u00e4stinensischen und j\u00fcdischen Vertreter des Parent Circle unter der Leitung von Christine Amanpour, CNN (Englisch), Mai 2021: <a href=\"https:\/\/edition.cnn.com\/videos\/tv\/2021\/05\/14\/amanpour-robi-damelin-bassam-aramin-israel-palestinian-territories-peace.cnn\">https:\/\/edition.cnn.com\/videos\/tv\/2021\/05\/14\/amanpour-robi-damelin-bassam-aramin-israel-palestinian-territories-peace.cnn<\/a><\/p>\n\n\n\n<div data-wp-interactive=\"core\/file\" class=\"wp-block-file\"><object data-wp-bind--hidden=\"!state.hasPdfPreview\" hidden class=\"wp-block-file__embed\" data=\"https:\/\/judithforgoston.files.wordpress.com\/2021\/05\/von-raketen-und-flaggen.pdf\" type=\"application\/pdf\" style=\"width:100%;height:600px\" aria-label=\"Einbettung von Deutsche Version.\"><\/object><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tags: Nasa - Weltall - Nationalismus - interreligi\u00f6ser Dialog - Dualismus - Einheit<\/p>\n<p>In den Fr\u00fchlingsferien besuchten wir das Kennedy Space Center in Florida. 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