{"id":1363,"date":"2024-01-23T16:36:46","date_gmt":"2024-01-23T16:36:46","guid":{"rendered":"https:\/\/judithforgoston.com\/?p=1363"},"modified":"2024-03-08T09:40:48","modified_gmt":"2024-03-08T09:40:48","slug":"epic-fail","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.judithforgoston.com\/de\/2024\/01\/23\/epic-fail\/","title":{"rendered":"Vom Gro\u00dfartigen Scheitern"},"content":{"rendered":"<p>Wie h\u00e4lt man das Interesse eines Lesers \u00fcber den ersten Satz eines Blogbeitrags hinaus\naufrecht? Man verspricht Geld. Man spielt auf einen Skandal an. Oder man schreibt \u00fcber Rachel\nHeld Evans.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Entweder kennst du sie bereits und bist daher nun freudig gespannt auf diese Zeilen, oder du\nkennst sie noch nicht und fragst dich jetzt, was du wohl bisher verpasst hast. Clever, nicht\nwahr?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">Mein heutiger Blogbeitrag ist kurz (laut Internet betr\u00e4gt die durchschnittliche\nAufmerksamkeitsspanne eines Blogpost-Lesers 52 Sekunden, d. h. wenn du sehr langsam liest,\nhabe ich dich vielleicht schon verloren), also werde ich mich mit meine Lobeshymnen auf\nEvans auch kurz halten. Vielleicht reicht es, wenn ich sage, dass ihre B\u00fccher mich auf Trab\nhalten - das hei\u00dft, ich laufe w\u00e4hrend des Lesens dauernd im Haus herum auf der Suche nach\njemandem, dem ich einen weiteren ihrer genialen Gedanken vorlesen kann. Und ihr Schreibstil!\nPoetisch. Witzig. Verletzlich. Provokant. Wunderbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">Aber es ist nicht nur das <em>Wie<\/em>. Es ist auch das <em>Was<\/em> ihres Schreibens, das mir unter die Haut geht.\nAls jemand, der fast ein Jahrzehnt damit verbracht hat, sich vom Evangelikalismus und\nFundamentalismus loszul\u00f6sen, sprechen mich unz\u00e4hlige Aspekte ihrer B\u00fccher an. Als jemand,\nder seither seit Jahren versucht, mein Leben auf der Grundlage eines weniger definierten, daf\u00fcr\naber ehrlicheren und liebevolleren Glaubens neu zu gestalten, sprechen sie mich noch mehr an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">Nach der Lekt\u00fcre ihres Buchs <em>Es Ist Kompliziert - wie ich glaube, ohne zu verzweifeln<\/em> wurde mir\nklar, dass mich vor allem ihr Schreiben aus einer Position der Schw\u00e4che fasziniert. Sie ist\ngnadenlos ehrlich, wenn es um ihr Scheitern und ihre Zweifel geht. Sie schl\u00e4gt etwas vor, das\nverd\u00e4chtig nach Jesus riecht: dass wir unsere Vorstellungen davon, wie wir als Christen leben\nund leiten sollen, auf den Kopf stellen. Dass wir der Welt von Jesus erz\u00e4hlen, indem wir nicht\nvon unseren Erfolgen und Zielen, sondern von unserem Versagen und unserem Nicht-wissen\nberichten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">Wenn es dir so geht wie mir, dann bist du schon zahllosen B\u00fcchern begegnet mit Titeln wie:\n\"Zehn Schritte zum Erfolg\", \"F\u00fcnf Regeln, um Dein Leben zu \u00e4ndern\" oder \"Sieben Wege, ein\nbesserer Mensch zu werden\". All diese B\u00fccher - von denen ich wahrscheinlich nur ein einziges\nzu Ende gelesen habe (und das auch nur, weil ich es noch mehr hasse, ein Buch nicht zu Ende zu\nlesen, als mich dieses Buch genervt hat) - haben mich frustriert zur\u00fcckgelassen. Mit\nBibellesepl\u00e4nen verh\u00e4lt es sich \u00fcbrigens genauso. Anstatt durch den Text ver\u00e4ndert zu werden,\nhinterl\u00e4sst ein Leseplan bei mir nur die Frage, warum ich beim besten Willen nichts l\u00e4nger als\neine Woche durchhalten kann, au\u00dfer mir die Z\u00e4hne zu putzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">Dem disziplinierten Leser, der jetzt den Kopf \u00fcber mich sch\u00fcttelt \u2013 Hut ab, dass du es schaffst,\ndich an <em>zehn Schritte, f\u00fcnf Regeln und sieben Wege<\/em> zu halten\u2026 und das, lass mich raten,\nvielleicht ganze 2.3 Monate lang? Und doch kommt auch f\u00fcr den Diszipliniertesten unter uns\nder Moment, wo\u2018s zum Gl\u00e4nzen einfach nicht mehr reicht. Wo wir froh sind, dass niemand\nwirklich fragt und niemand wei\u00df, was tats\u00e4chlich abgeht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">Doch seit jeher denken Christen, um ein Licht f\u00fcr die Welt zu sein, m\u00fcssten wir uns von unserer\nbesten Seite zeigen. Alles im Griff haben. Den unbequemen Fragen aus dem Weg gehen. Die\nSonntagsbilder posten und an den Dingen festhalten, an die wir mal geglaubt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Rachel Held Evans war zu nichts von alledem in der Lage. Ihr ehrliches, impulsives, chaotisches,\nwundervolles Ich konnte sich nicht zusammenrei\u00dfen, hatte viel zu viele unbequeme Fragen und\nwusste schon lange nicht mehr, wie sie noch glauben sollte, was ihr mal beigebracht worden\nwar. Stattdessen erkannte sie, dass die Kirche und das christliche Leben vielleicht gar nicht von\ndiesen Dingen gepr\u00e4gt sein sollten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">In einem brillanten Kapitel namens <em>Epic Fail<\/em> (Vom Gro\u00dfartigen Scheitern) beschreibt Evans eine\n2011 entstandene Bewegung, gegr\u00fcndet von einem ausgebrannten Pastor. Dieser hatte die\nNase voll von hochgl\u00e4nzenden Pastorenkonferenzen, die Erfolgsgeschichten von\nMegakirchenpastoren verkauften. Er wusste, dass 99 % der Teilnehmenden sich dadurch\ninnerlich als Versager f\u00fchlen, w\u00e4hrend sie \u00e4u\u00dferlich ein L\u00e4cheln aufsetzten. Er beschloss daher,\ndie erste <em>Epic Fail Pastors Conference<\/em> ins Leben zu rufen - ein Treffen, bei dem jeder Pastor\nseinen schlechtesten Fu\u00df nach vorne stellte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">Das Ergebnis, so die Teilnehmer der Konferenz, war \"eine Zeit, in der Lebensgeschichten und\nLebensk\u00e4mpfe mit erfrischendem Mut geteilt wurden \u2013 und dies von Menschen, die sich \u00fcber\nihre Auseinandersetzung mit Depressionen, ihre Angst vor dem Versagen und ihre gebrochenen\nHerzen \u00e4u\u00dferten. Es gab keine beeindruckenden Vortr\u00e4ge - stattdessen wurde gelacht, gebetet\nund geweint.... Es war \u2018wie ein Kuss Gottes auf unsere Wunden\u2018, wie es ein Teilnehmer\nausdr\u00fcckte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">Evans sagt weiter: \"Ich frage mich, ob die Rolle des Klerus in diesem Zeitalter nicht mehr darin\nbesteht, Informationen zu verbreiten oder das Prestige unserer Autorit\u00e4t zu bewahren, sondern\nvielmehr darin, den ersten Schritt zu tun - freiwillig die Wahrheit \u00fcber unsere S\u00fcnden, unsere\nTr\u00e4ume, unser Versagen und unsere \u00c4ngste zu verraten, um andere dazu zu bef\u00e4higen, das\nGleiche zu tun.\"<\/p>\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">Was f\u00fcr ein erfrischender Gedanke - dass Pastoren, F\u00fchrungskr\u00e4fte oder Autorinnen ihren\nGemeinden dadurch dienen, indem sie mutig die Fragen stellen, die sich niemand zu stellen\ntraut, K\u00e4mpfe ansprechen, die man ihnen nie angesehen h\u00e4tte, und Fehler zugeben, die andere\nLeitende niemals \u00f6ffentlich zugeben w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will den positiven Aspekt reifer Vorbilder nicht schm\u00e4lern, deren unersch\u00fctterlicher Glaube\nuns durch Krisen hindurchhelfen kann und deren Weisheit unsere inneren Kraftreserven f\u00fcllt.\nAber die meisten dieser Vorbilder waren zu verschiedenen Zeiten ihres Lebens auch ein\nheilloses Durcheinander. Und zu viele von ihnen wurden von wohlmeinenden, aber\nverurteilenden Br\u00fcdern und Schwestern niedergeschossen, bevor sie jemals die Reife erreichen\nkonnten, die die Menschen um sie herum so dringend gebraucht h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p>Was Evans vorschl\u00e4gt - durch gro\u00dfartiges Scheitern zu f\u00fchren - ist eigentlich keine neue Idee.\nIch vermute sogar, dass sie diese Idee direkt von Jesus \u00fcbernommen hat. Seien wir mal ehrlich -\ndie Menschen, die er ausw\u00e4hlte, um seine Bewegung in Gang zu bringen, waren durchs Band\nweg eine Katastrophe. Sie zweifelten an ihm, verrieten ihn, liefen vor ihm davon und\nverstanden seine Botschaft mit entnervender Regelm\u00e4\u00dfigkeit falsch. Heute w\u00fcrde keine einzige\nOrganisation in ihrer Werbung so viele peinliche und verwirrende Geschichten \u00fcber ihre\neigenen Botschafter auff\u00fchren (gew\u00fcrzt mit etwas Misserfolg und Verrat), wie das die Autoren\ndes Neuen Testaments taten. Die gesamte Marketing-Abteilung w\u00fcrde k\u00fcndigen, bevor\nirgendwelche Flyer je gedruckt werden k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Und doch sind es genau diese Geschichten, die Jesus als Beispiele f\u00fcr sein Reich gew\u00e4hlt hat. Es\nscheint, dass seine J\u00fcnger als Beispiele eines Lebens ausgew\u00e4hlt wurden, das ohne die Gnade\nGottes absolut scheitert - eines Lebens, das in sich selbst ziemlich erb\u00e4rmlich ist, das aber durch\ndas Wunder der Gnade Gottes die Kraft hat, den Lauf der Weltgeschichte zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausz\u00fcge aus: \u201eEs Ist Kompliziert\u201c von Rachel Held Evans, Brendow Verlag, 2016<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie h\u00e4lt man das Interesse eines Lesers \u00fcber den ersten Satz eines Blogbeitrags hinaus\naufrecht? Man verspricht Geld. Man spielt auf einen Skandal an. 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