{"id":2131,"date":"2024-11-12T15:32:12","date_gmt":"2024-11-12T15:32:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.judithforgoston.com\/?p=2131"},"modified":"2024-11-12T15:58:36","modified_gmt":"2024-11-12T15:58:36","slug":"from-india-with-love","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.judithforgoston.com\/de\/2024\/11\/12\/from-india-with-love\/","title":{"rendered":"Aus Indien, von Herzen"},"content":{"rendered":"<p>Vor kurzem haben wir als Familie Indien besucht - eine Reise, die unseren Kindern vor allem dazu dienen sollte, das Land, das ihre Eltern vier Jahre lang ihr Zuhause nannten, kennenzulernen. Doch wir kamen mit weit mehr als Erinnerungen an alte Zeiten zur\u00fcck. Wir erlebten hautnah, was Gott Gro\u00dfes tun kann mit dem Wenigen, das wir ihm  zur Verf\u00fcgung stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unmittelbar nach Abschluss unserer eigenen theologischen Ausbildung in den USA begannen wir mit der Gr\u00fcndung einer Tochterschule in Indien und st\u00fcrzten uns mit Begeisterung und Inbrunst in dieses Pionierprojekt. Die n\u00e4chsten vier Jahre waren gef\u00fcllt mit wunderbaren Begegnungen mit unserer wachsenden Studentenschaft. Wir lehrten \u00fcber Gnade, und unsere indischen Studenten nahmen die Botschaft von Gottes bedingungsloser Liebe bereitwillig auf. Sie spielten mit unseren Babys, nahmen uns in ihre wunderbare Gemeinschaft auf, verziehen uns gro\u00dfz\u00fcgig unsere Unwissenheit \u00fcber ihre Kultur und die Arroganz, die sich so schnell einschleicht, wenn Menschen aus dem Westen mit Menschen aus anderen Teilen der Welt interagieren. Rundum wurden wir mit viel mehr Freundlichkeit und Respekt behandelt, als wir verdienten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig begannen sich kleine Warnzeichen in unseren Herzen zu melden, was die Lehrmeinungen anging, die von der Leitung unserer amerikanischen Schule mit gro\u00dfer \u00dcberzeugung und Strenge vertreten wurden. \u00dcber Lehrfragen hinaus merkten wir, dass sich unser Verst\u00e4ndnis von F\u00fchrung stark von dem der amerikanischen Schule unterschied. Wir glaubten an das Potenzial unserer indischen Studenten und wollten feiern, wie Gott jeden von ihnen mit einzigartigen Ausdrucksformen des Glaubens geschaffen hatte \u2013 ein Glauben, welcher auch von ihrem Hintergrund und ihren Tr\u00e4umen mitgestaltet war. Unsere indische Schule war gepr\u00e4gt von Authentizit\u00e4t, Teamarbeit und ehrlichen Gespr\u00e4chen. Wir wollten Raum f\u00fcr Zweifel lassen und pers\u00f6nlichen Herausforderungen auf mitf\u00fchlende Art und Weise begegnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Leitung der amerikanischen Schule jedoch schien damals in die entgegengesetzte Richtung zu gehen. Hierarchische Strukturen, finanzielles Wachstum und Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber strikten Lehrmeinungen schienen ihr Verst\u00e4ndnis von Erfolg auszumachen. Die Sturmwolken in unseren Herzen verdunkelten sich. In einem Umfeld wie diesem konnte weder Verletzlichkeit noch Mitgef\u00fchl wachsen. Unsere Bem\u00fchungen, Gespr\u00e4che mit der amerikanischen Schule \u00fcber unsere unterschiedlichen F\u00fchrungsstile zu suchen, wurden stattdessen mit weiteren \u2013 in Indien oft kulturell irrelevanten \u2013 Regeln und mangelnder pers\u00f6nlicher Interaktion beantwortet. Die ganze Situation gab uns das Gef\u00fchl, zugleich alleingelassen und bevormundet zu werden \u2013 ein Ph\u00e4nomen, das viele Menschen im Missionsdienst nur zu gut kennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hoffnung sch\u00f6pften wir durch unsere gro\u00dfartigen Studenten. Ihre Dankbarkeit, Bereitschaft zum praktischen Dienst und ihre Wissbegierde ber\u00fchrten uns tief. Ihre Herzen waren offen, ob wir nun einige der Botschaften der Schule lobten oder andere herausforderten. Wir genossen die Diskussionen, Gespr\u00e4che, Lieder und die Gemeinschaft mit unserer indischen Familie.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig lastete das Leben in Indien auf uns \u2013 besonders auf mir. W\u00e4hrend der Balanceakt mit der amerikanischen Schule meinen Mann nachts wach hielt, belastete mich die Herausforderung, ein zweij\u00e4hriges Kind gro\u00dfzuziehen und ihre Schwester in Chennai zur Welt zu bringen. Zu viele Dinge waren fremd \u2013 besonders, da ich damals noch keine echte Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr die Kultur Indiens hatte. Schlie\u00dflich waren wir in einem westlichen evangelikalen Umfeld geschult worden, das von seiner eigenen \u00dcberlegenheit in geistlichen Dingen \u00fcberzeugt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach vier Jahren wurde eine \u00e4u\u00dferliche Ver\u00e4nderung unabdingbar. Im Interesse unserer Familie und unserer eigenen Gesundheit mussten wir unsere Arbeit Indien schweren Herzens verlassen. Schweren Herzens einerseits, weil nicht alles an der amerikanischen Schule problematisch war. Bis heute sind wir \u00fcberzeugt, dass viele ihrer Grundlagen befreiend und lebensspendend sind \u2013 mit ein Grund, warum wir uns der Bewegung \u00fcberhaupt angeschlossen hatten. Wir wollten nicht alles hinter uns lassen und nie zur\u00fcckblicken. Wir liebten Menschen in dieser Bewegung, und wir stimmten immer noch mit vieler ihrer \u00dcberzeugungen \u00fcberein.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schwerste war, dass wir nicht nur Studenten, sondern auch Freunde und Teammitglieder zur\u00fccklie\u00dfen. Die wenigen Jahre reichten nicht aus, um ein indisches F\u00fchrungsteam aufzubauen, das die Schule h\u00e4tte \u00fcbernehmen k\u00f6nnen \u2013 zumindest nicht zur Zufriedenheit der amerikanischen Schule. Es gab noch so viel zu tun, so viele unerf\u00fcllte Tr\u00e4ume, so viel Potenzial in unserem Team. Indien zu verlassen, schien egoistisch und lieblos \u2013 und dennoch bin ich bis heute \u00fcberzeugt, dass es damals f\u00fcr unsere Familie die richtige Entscheidung gewesen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Wegzug belastete nat\u00fcrlich auch unsere Beziehung zur amerikanischen Schule, obwohl wir auch nach Indien noch mehrere Jahre mit dieser Organisation weiter zusammenarbeiteten. Zum einen erstaunte es uns, dass von Amerika her gar nie nach den Gr\u00fcnden f\u00fcr unsere Entscheidung gefragt wurde \u2013 unser Input, unser Erleben schien nicht mal ein Telefonat wert zu sein. Andererseits wurde uns aufgrund der Regeln aus den USA am Ende sogar verboten, mit unserem Team in Indien weiter Kontakt zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>So beobachteten wir im Laufe der folgenden Jahre \u2013 meist aus der Ferne, da wir nun in der Schweiz lebten \u2013 wie unsere indischen Freunde unter dem neuen amerikanischen Leiter, der an unsere Stelle gesetzt worden war und welcher \u201evon oben herab\u201c mit strikt hierarchischen Strukturen leitete, litten. Es brach uns fast das Herz.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche Leser k\u00f6nnen sich in diesen Gef\u00fchlen wiederfinden. Wir schmieden Pl\u00e4ne und st\u00fcrzen uns mit \u00dcberzeugung und Leidenschaft in unsere Herzensprojekte. Doch bei vielen kommt irgendwann der Moment, wo alles um uns herum zusammenbricht \u2013 sei es schmerzhaft langsam oder an einem einzigen Tag \u2013, und wir finden uns mit existenziellen Fragen und Desillusion wieder. Rechnet man das Schuldgef\u00fchl hinzu, das wir aufgrund unserer pers\u00f6nlichen Entscheidung empfanden, kann man sich leicht vorstellen, mit welch ambivalenten Gef\u00fchlen wir Indien gegen\u00fcberstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Verlauf der n\u00e4chsten 13 Jahre verarbeiteten mein Mann und ich diese Erfahrungen auf individuelle Weise. Wir sammelten mit verschiedensten Formen christlichen Dienstes und christlicher Gemeinschaften Erfahrungen, ich schrieb einen Roman, und David leitete weiterhin Teams - diesmal in einem Umfeld, wo statt Hierarchien Authentizit\u00e4t und Mitgef\u00fchl gef\u00f6rdert werden. Wir wurden uns der Fehler bewusst, die auf beiden Seiten geschehen waren in dieser Sache, und vers\u00f6hnten uns in unseren Herzen mit der Schule. Und trotzdem blieb mir unsere Zeit in Indien insgesamt als \u201eein Beispiel daf\u00fcr, wie Mission nicht funktioniert\u201c in Erinnerung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das \u00e4nderte sich vor einem Monat \u2013 bei unserem ersten Wiedersehen mit unseren Studenten in Chennai in 15 Jahren. Erst sp\u00e4ter wurde mir bewusst, wie sehr ich zuvor innerlich den Atem angehalten hatte - ob wir wohl Gleichg\u00fcltigkeit oder sogar Bitterkeit von den Menschen erfahren w\u00fcrden, die wir verlassen hatten?<\/p>\n\n\n\n<p>Einige kamen von weit her, manche noch immer mit der Schule verbunden, andere inzwischen an anderen Lebensorten \u2013 aber sie alle kamen. Es wurde ein Abend, den ich nie vergessen werde. Die Liebe und Wertsch\u00e4tzung, die uns entgegengebracht wurde, war \u00fcberw\u00e4ltigend \u2013 und gleichzeitig dem\u00fctigend. Ich wurde an die Geschichte des verlorenen Sohnes erinnert, dessen Entschuldigungen, geboren aus der Erkenntnis seiner Fehler und seines Stolzes, von der Umarmung seines Vaters gestoppt werden. Gleicherma\u00dfen erlebte ich, wie meine Entschuldigungen sich in Umarmungen und Gel\u00e4chter verloren. Statt Erkl\u00e4rungen wollten mir verheiratete Studenten, die sich an der Schule kennengelernt hatten, stolz ihre Kinder zeigen. Und Familienmitglieder von Studenten erz\u00e4hlten uns, wie unsere Arbeit ihr Leben f\u00fcr immer ver\u00e4ndert hatte. Den ganzen Abend \u00fcber teilten unsere indischen Freunde Geschichten und Erinnerungen und feierten eine Gemeinschaft, die trotz unserer Fehler und Grenzen \u00fcberlebt hatte. Es war zutiefst ber\u00fchrend, von unseren Studenten zu h\u00f6ren, was sie von uns als Familie gelernt hatten, und die Freundschaft zu erleben, die unsere Studenten auch nach all den Jahren noch verbindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich brauchte eine Weile, um das Geschenk zu erkennen, das mir an diesem Abend gegeben wurde. Der Dienst, den wir in Chennai begonnen hatten, brachte f\u00fcr viele unserer Freunde neben Gutem auch Entt\u00e4uschung und Desillusion. Und doch entschieden sich die allermeisten daf\u00fcr, sich auf die positiven Erinnerungen auszurichten. Nat\u00fcrlich h\u00f6rten wir in den folgenden Tagen auch von den schwierigen Zeiten. Aber selbst diese Geschichten waren von Humor und Hoffnung durchzogen.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Kultur, in der so wenig kontrolliert werden kann, sehen diese Menschen das Gute mitten im Chaos des Lebens. In meiner eigenen Kultur, in der scheinbar so viel kontrollierbar ist, rege ich mich \u00fcber das kleinste Detail auf, das nicht nach meinem Willen l\u00e4uft. Kein Wunder hatte ich schwierige Erinnerungen an Indien, wo sich alles so schnell und unweigerlich meiner Kontrolle entzog. Und doch schuf Gott genau aus diesem kleinen Beitrag etwas Sch\u00f6nes \u2013 inmitten des Chaos, das wir hinterlassen mussten. Gott gebrauchte die Umarmungen, fr\u00f6hlichen Geschichten und Freundschaften von Menschen, die wir in vielerlei Hinsicht entt\u00e4uscht hatten, um uns an etwas zu erinnern: Es geht nicht darum, ob wir unsere Arbeit als Versagen oder Erfolg wahrnehmen. In Wahrheit werden unsere eigenen Bem\u00fchungen schlussendlich immer irgendwann scheitern, w\u00e4hrend seine Gnade selbst aus den unbeholfensten unserer Bem\u00fchungen etwas Sch\u00f6nes machen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kam mit tiefer Dankbarkeit nach Hause. Wie froh ich bin, dass ich zwar daran arbeiten kann, meine Fehler nicht zu wiederholen und an Weisheit zuzunehmen \u2013 aber gleichzeitig in Gottes Umarmung ruhen darf. Denn wo meine eigenen Pl\u00e4ne und Vorstellungen scheitern, kommen Seine Pl\u00e4ne zustande - und zwar jenseits allem, was ich verstehen oder mir vorstellen kann.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>We recently returned from a family trip to India \u2013 a trip meant mainly to introduce our kids to the place their parents had called home for four years \u2013 and ended up with much more than we bargained for. 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