{"id":2149,"date":"2025-03-04T16:36:34","date_gmt":"2025-03-04T16:36:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.judithforgoston.com\/?p=2149"},"modified":"2025-05-13T15:58:08","modified_gmt":"2025-05-13T15:58:08","slug":"les-miserables","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.judithforgoston.com\/de\/2025\/03\/04\/les-miserables\/","title":{"rendered":"Les Mis\u00e9rables"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor Kurzem erlebte ich, nun bereits zum f\u00fcnften Mal (auf mehrere Jahrzehnte verteilt), das atemberaubende Musical \u201eLes Mis\u00e9rables\u201c - diesmal in Z\u00fcrich. Ber\u00fchrt und begeistert kam ich nach Hause \u2013 und h\u00e4tte es besser wissen sollen, als meinen Teenagern von einem Werk mit dem Namen \u201eLes Mis\u00e9rables\u201c vorzuschw\u00e4rmen. Die Antwort meiner Vierzehnj\u00e4hrigen kam dann auch prompt: \u201eWow. Ein Musical mit dem Titel \u201eDie Elenden\u201c \u2013 genau das hat mir noch gefehlt.\u201c Meinem Einwand, dass ich bereits als Kantonssch\u00fclerin zutiefst von diesem Werk ber\u00fchrt war, begegnete sie entsprechend mit: \u201eEin weiterer Beweis daf\u00fcr, dass du schon immer uralt warst\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kaum ein Werk hat eine so vielf\u00e4ltige Fangemeinde \u2013 von \u201ephilosophisches Meisterwerk des 19. Jahrhunderts\u201c \u00fcber \u201eHistorien-Epos der Aufkl\u00e4rung\u201c bis hin zu \u201eKlassischste Liebesgeschichte \u00fcberhaupt\u201c. Doch als ich \u201eLes Mis\u00e9rables\u201c als 20-J\u00e4hrige das erste Mal las, war ich aus einem anderen Grund zutiefst betroffen. Ich erlebte n\u00e4mlich,  wie die Barmherzigkeit Gottes die menschliche Seele ergreift wie nichts anderes auf dieser Welt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Valjean \u2013 der tragische, innerlich zerrissene Held der Geschichte \u2013 erlebt diese Barmherzigkeit in Form eines Bischofs, der ihm nach einem Raub\u00fcberfall vergibt, statt ihn zur\u00fcck auf die Galeeren zu schicken, wo er f\u00fcr das Verbrechen eines gestohlenen Laib Brotes die vergangenen neunzehn Jahre verbracht hat. Doch damit nicht genug: vor den verbl\u00fcfften Polizisten beteuert der Bischof, Valjean die Sachen geschenkt zu haben. \u201eAber warum hast du die Kerzenleuchter vergessen?\u201c, fragt er den Str\u00e4fling und h\u00e4uft weitere Wertsachen in dessen Beutel. Als ob das gestohlene und nun geschenkte Silber noch nicht gen\u00fcgt, um die Tragweite dessen, was Valjean an diesem Tag lernen wird, zu unterstreichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ungeheuerlich ist es, was der Bischof da tut. Valjean braucht das halbe Buch, um mit dieser ma\u00dflosen Barmherzigkeit des Bischofs zurechtzukommen. Und ich bin froh um diese Zeit \u2013 denn ich selbst sp\u00fcre beim Lesen: Kein Mensch, ob Protagonist oder Leser, erf\u00e4hrt solch ungeheuerliche Gnade, ohne im Innersten ersch\u00fcttert zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob wir innerlich oder \u00e4u\u00dferlich gefangen sind, unsere Seele streckt sich nach dieser Barmherzigkeit aus, und die Frage verschafft sich Raum: \u201eKann, ja wird, diese Gnade auch mein Leben \u00fcberw\u00e4ltigen?\u201c Die Antwort kam zu mir, leise und froh: \u201eSie kann und hat bereits \u2013 seit du dem Wanderprediger aus Nazareth folgst und dein Herz in die H\u00e4nde eines verschwenderisch-barmherzigen Gottes gelegt hast.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Rest des Romans folgt einem Leben, das den unausl\u00f6schlichen Abdruck Gottes tr\u00e4gt. Valjean hilft, rettet, liebt, und gibt sich Gott mit einer Intensit\u00e4t hin, die durch die vergilbten Seiten meiner Hugo-Ausgabe leuchtet. Mit immerw\u00e4hrender Dringlichkeit scheint er, der solche Barmherzigkeit erfahren hat, diese weitergeben zu m\u00fcssen. Nicht als eine Form der Wiedergutmachung oder der \u201eausgleichenden Gerechtigkeit\u201c. Nein, Valjeans Intensit\u00e4t entspringt vielmehr einer kaum mehr bekannten Selbstvergessenheit. Und hier offenbart sich ein gro\u00dfer Gegensatz zwischen Victor Hugos Helden und unserem modernen Christsein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Valjean besitzt nichts von der selbstsicheren Art moderner Christen, die sich ihrer selbst und ihrer Werke nur zu bewusst sind. Er lebt auch nicht wie jemand, der seine Schuld abarbeitet, um eines Tages vor Gott gerecht zu stehen. Vielmehr besteht sein Leben aus diesem Gl\u00fchen, das auch die Geschichten vieler Heiligen charakterisiert: Dieser unabl\u00e4ssige, hingebungsvolle und doch fr\u00f6hlich-leichte Drang, f\u00fcr andere zu leben. <strong>Valjean hat gleichzeitig nichts zu verlieren und unendlich viel zu geben.<\/strong>Er ist unabl\u00e4ssig an der Arbeit und doch vollkommen in der Ruhe. Sein Leben hat diese Qualit\u00e4t angenommen, die wir leider in unserer modernen Zeit zu oft mit Erfolg verwechseln. Doch kein Wort w\u00e4re diesem Gott-Zustand ferner als dieser so weltliche und pragmatische Begriff.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Valjean verwirklicht sich nicht selbst; er hat sich in einer viel gr\u00f6\u00dferen Freude verloren. Er hat keine Erfolge zu verzeichnen, sondern steht den Segnungen, die seinem Wirken entspringen, mit seltsamer Distanz und \u00dcberraschung entgegen. Sie sich selbst zuzuschreiben, w\u00e4re f\u00fcr ihn ein l\u00e4cherlicher und l\u00e4stiger Gedanke.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So nennt er sich bis zum Lebensende selbst ein \u201eElender\u201c. Das hat nichts mit Selbstmitleid oder falscher Demut zu tun. Vielmehr beschreibt er damit seine und unsere Position auf der B\u00fchne dieser Welt \u2013 einer Welt, die so voller Zerbruch ist, dass auch der Flei\u00dfigste und Aufrichtigste unter uns sich ihrer Tragik nicht entziehen kann. Er imitiert Paulus, der sich selbst mit Nachdruck und Freude, wohl gar mit Erleichterung, den \u201eGeringsten aller Nachfolger Christi\u201c nennt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich verstehe gut, dass meine Teenager von einem Werk mit einem solchen Titel abgeschreckt werden. \u201eDie Gl\u00fccklichen\u201c oder \u201edie Trendsetter\u201c w\u00e4re Insta-w\u00fcrdiger als \u201edie Elenden\u201c. Und wie soll ich ihnen erkl\u00e4ren, dass dieser Mann, der sich wie Paulus oder Franziskus als \u201eNarr\u201c sah, der Welt mehr von Gott gezeigt hat, als das eine Ber\u00fchmtheit je k\u00f6nnte? Dass er sich einreiht mit solchen, die mit ihrer Selbstvergessenheit die Welt auf den Kopf gestellt haben?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht ist \u201eLes Mis\u00e9rables\u201c ein weiteres Beispiel daf\u00fcr, wie gewisse Wahrheiten am besten durch die K\u00fcnste weitergegeben werden k\u00f6nnen. Kunst ber\u00fchrt unserer Seele auf leise, tiefgr\u00fcndige und oft unerwartete Art. Und vielleicht schreibt, vertont, malt, inszeniert ja bald jemand ein \u201eLes Mis\u00e9rables\u201c f\u00fcr die Generation meiner Teenager; ein Werk, in dem in heutiger Form ausgedr\u00fcckt wird, wonach sich auch moderne Seelen genauso sehnen. Vielleicht finden wir neue Formen, um in den \u201eElenden\u201c unserer Zeit wieder die wahren Helden zu entdecken.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor Kurzem erlebte ich mit nun bereits zum f\u00fcnften Mal (auf mehrere Jahrzehnte verteilt) das atemberaubende Musical \u201eLes Mis\u00e9rables\u201c, diesmal in Z\u00fcrich. 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