{"id":7,"date":"2020-04-15T08:00:00","date_gmt":"2020-04-15T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/judithforgoston.wordpress.com\/?p=7"},"modified":"2024-03-08T08:57:58","modified_gmt":"2024-03-08T08:57:58","slug":"recovering-fundamentalist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.judithforgoston.com\/de\/2020\/04\/15\/recovering-fundamentalist\/","title":{"rendered":"Gedanken einer genesenden Fundamentalistin"},"content":{"rendered":"<p>Ich h\u00e4tte nie gedacht, dass ich diese Erfahrung jemals machen w\u00fcrde. Aber des \u00d6fteren geschieht es nun, und kommt von \u00e4hnlich wohlmeinenden, \"radikalen\" Christen, wie ich es einmal war. Ich sehe es in ihren Blicken. Ihrem Z\u00f6gern und Nach-Worten-Suchen. Sie k\u00e4mpfen einen mir allzu bekannten Kampf: Sie fragen sich, wie sie mich bekehren k\u00f6nnen. Ich wei\u00df das, weil ich fr\u00fcher auch eine von ihnen war.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">Ich habe neue Freunde immer zuerst danach beurteilt, wo sie geistlich stehen. Ob dies m\u00f6glicherweise wirkliche Atheisten sind?  Oder vielleicht nur nominelle Christen ohne geistliche Tiefe? Nennen sie sich vielleicht christlich, hatten aber nie jene Begegnung mit Jesus, die ihnen den Eintritt in den Elite-Club der Wiedergeborenen erm\u00f6glicht, und denken trotzdem, dass zwischen ihnen und Gott alles in Ordnung sei? Wahrlich,\n<em>schmal ist der Weg<\/em>...<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einer solch urteilenden Haltung hielt ich fr\u00fcher die meisten Menschen weit weg von mir \u2013 etwas, was mich nicht sonderlich gest\u00f6rt h\u00e4tte, wenn es nicht dieses verflixte Thema der Evangelisation gegeben h\u00e4tte. Denn sobald ich geurteilt hatte, dass ein Mensch nicht Teil des Reiches Gottes war, hatte ich ja eigentlich die Pflicht, diesen Moment zu nutzen, um ihn mit der Wahrheit vertraut zu machen. Warum warten? Vielleicht war dies die letzte Chance zur Errettung dieses Menschen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt mehrere Gr\u00fcnde, warum dies das denkbar schlechteste Szenario ist, um mit\neinem Freund \u00fcber den christlichen Glauben zu sprechen. Zun\u00e4chst einmal ist mir nun\nmeine Pflicht eine Last. Wenn es dem anderen nicht an geistlicher Reife mangeln\nw\u00fcrde, k\u00f6nnten wir uns alle entspannen und miteinander abh\u00e4ngen. Aber nein, er muss\nverloren sein, also muss ich mich bem\u00fchen, ihn zu retten. Wie \u00e4rgerlich!<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens habe ich, da ich ja schon entschieden habe, dass er die Wahrheit nicht kennt, bereits jegliches Verlangen verloren, herauszufinden, was die Person denn \u00fcberhaupt glaubt. Es ist ja falsch, warum also zuh\u00f6ren? Stattdessen suche ich verzweifelt nach einem Einstieg in ein Gespr\u00e4ch, in dem ich ihm erkl\u00e4ren kann, was ich verstanden und erlebt habe. Die Tatsache, dass fast alle diese Gespr\u00e4che in peinlichen Debakeln enden, wird dann den Leiden zugeschrieben, die wir um Christi willen erdulden m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">Nat\u00fcrlich denkt niemand von uns bewusst auf diese Weise. Aber wie bei vielen Dingen offenbart sich das, was wir tats\u00e4chlich denken daran, wie wir tats\u00e4chlich handeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch eine Reihe von einschneidenden Ereignissen, die zu h\u00f6ren ich den Lesern meines Buchs \u201eJenseits von Halleluja\u201c \u00fcberlasse, fand ich langsam einen Weg, diese negative Lebenswelt zu verlassen. Ich bin bei Jesus geblieben, aber ich habe die Schuldgef\u00fchle, das Urteilen und das Alleswissen hinter mir gelassen (jedenfalls zu einem Teil \u2013 gewisse dumme Angewohnheiten sterben nur langsam). Ich fing an, mit Freunden zusammen zu sein, weil wir uns <em>mochten<\/em>, nicht weil wir dasselbe glaubten. Ich befreundete mich mit Menschen, bevor ich wusste, welchen Glauben sie praktizierten oder nicht praktizierten. Und ich fing an, auch Freunde zu haben, die eindeutig <em>nicht<\/em> glaubten, was ich glaubte. Das war eine der befreiendsten Erfahrungen meines Lebens. Ich habe keine spirituelle Agenda mehr, wenn ich mit jemandem zusammen bin. Vielleicht reden wir \u00fcber Gott, vielleicht aber auch nicht. Beides stimmt nun f\u00fcr mich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich treffe und befreunde mich auch immer noch mit evangelikal-fundamentalistischen Christen. Wenn sie mir von ihren \u00dcberzeugungen erz\u00e4hlen, h\u00f6re ich mit Interesse zu, sage aber selber wenig - denn wenn ich als Teil einer solchen Gruppe eines gelernt habe, dann, dass Ver\u00e4nderung von innen kommen muss. Das hei\u00dft, die Fragen m\u00fcssen von demjenigen kommen, der mir gegen\u00fcbersteht. Und so lange es keine Fragen gibt, bringen auch die Antworten nicht viel.<\/p>\n\n\n\n<p>Dadurch, dass ich nun nicht mehr diesen Mustern folge, hat sich f\u00fcr mich teilweise die Situation umgekehrt. Meine Vermeidung eines bestimmten christlichen Vokabulars oder Verhaltens l\u00e4sst nun meine fundamentalistischen Freunde annehmen, dass <em>ich<\/em> zu den Ungl\u00e4ubigen \u00fcbergetreten sei. Dies wird best\u00e4tigt, wenn sie mich mit Leuten zusammensitzen sehen, die mal ein zweites Glas trinken, fragw\u00fcrdige Worte benutzen, oder auf andere Weise eine unverzeihliche S\u00fcnde begehen. Jetzt ist der Druck f\u00fcr mein Gegen\u00fcber gro\u00df. Da ich offensichtlich zu den verlorenen Seelen geh\u00f6re, muss am besten heute Abend <em>der Abend<\/em> sein - sonst gehe ich ja Gefahr, den Rest der Ewigkeit in Qualen zu verbringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin also zur Empf\u00e4ngerin dessen geworden, was ich fr\u00fcher austeilte. Ich muss leider zugeben, dass ich noch nie von einer Gruppe von Menschen so sehr verurteilt wurde, als von gewissen Christen, die vermuten, ich sei kein Christ - oder kein \"richtiger\" Christ. Das erinnert mich an Christians Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir beide leiteten in den 90er Jahren die Bibelgruppe der Kantonsschule Wettingen. Unser junger Glaube wurde t\u00e4glich durch die atheistische, s\u00e4kulare Haltung unserer Lehrpersonen auf die Probe gestellt, und wir entwickelten daher eine starke Bindung zu unserer kleinen Schar von Glaubensgeschwistern. Unsere Gruppe hatte keine konfessionelle Zugeh\u00f6rigkeit, und in unserer (beneidenswerten) Unwissenheit stellten wir uns vor, dass das christliche Leben auch so bleiben w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das Leben neigt dazu, einem in die Quere zu kommen. Unsere Wege trennten sich, und ich schloss mich einer evangelikalen Bewegung an, w\u00e4hrend Christian an einer liberalen staatlichen Hochschule Theologie studierte. W\u00e4hrend der wenigen Male, die sich unsere Wege in den kommenden Jahren kreuzten, wuchs meine \u00dcberzeugung, dass er seinen Glauben verloren und ihn durch humanistischen Liberalismus ersetzt hatte. Dann verloren wir den Kontakt ganz und gar, bis ich eines Tages w\u00e4hrend eines Heimaturlaubs vom Missionsfeld in Indien die Idee hatte, mich wieder mit Christian in Verbindung zu setzen. Aber ich wollte mich nicht allein mit ihm treffen. Ich hatte eine besonders effektive Waffe, um meinen Heilsangriff abzufeuern - meinen Mann. <\/p>\n\n\n\n<p>David war, sagen wir einfach mal, ein <em>echter Heide<\/em> gewesen, bevor er Jesus kennenlernte. \nUnd ich war \u00fcberzeugt, dass niemand einen Abtr\u00fcnnigen besser erreichen k\u00f6nnte als ein wahrhaft reformierter S\u00fcnder. Wir trafen uns in einem Caf\u00e9, und nach etwas Smalltalk ging ich direkt an die Arbeit und bat David, seine Lukas-15-Geschichte vom Verlorengehen und Wiedergefunden werden zu erz\u00e4hlen. Christian h\u00f6rte h\u00f6flich zu und sagte uns, er freue sich f\u00fcr uns. Nach einem unangenehmen Moment (kannst du ihn dir vorstellen, Zuh\u00f6rer?) sammelte ich all meine evangelistischen Kr\u00e4fte und schoss den unvermeidlichen \"Und-wo-stehst-du-mit-Jesus\u201c-Pfeil ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Christian schaute uns mit einem schwer zu deutenden Ausdruck an. Vielleicht war er verletzt, vielleicht war er ersch\u00f6pft, vielleicht nur verwirrt. Ich werde jedenfalls nie vergessen, was er als N\u00e4chstes sagte, und seine Worte katapultierten mich auf meine Reise in die Freiheit.\nSeine Frage war: \"Ich dachte, ihr seid auf Urlaub? G\u00f6nnen sie euch nie eine Pause und lassen euch einfach <em>euch selbst<\/em> sein?\"<\/p>\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">Es war nicht nur die Andeutung, dass ich der Kollegin, die er aus der Schule kannte, nicht mehr \u00e4hnelte. Es war auch die Ahnung, dass wir, von eigenen und uns von au\u00dfen auferlegten Pflichtgef\u00fchlen getrieben, wie Marionetten lebten. Das war es, wor\u00fcber wir damals in den Kantonsschultagen den Kopf gesch\u00fcttelt hatten \u2013 Fanatiker, die sich selber fremd wurden, um einem religi\u00f6sen System gerecht zu werden, in welchem sie gefangen waren. Das vielleicht subtile, aber sehr reale Empfinden einer Pflicht, Menschen in Gl\u00e4ubige und Ungl\u00e4ubige einzuteilen und sie entsprechend unterschiedlich zu behandeln, hatte mich ver\u00e4ndert. Es hatte mich in jemanden verwandelt, der f\u00fcr Christian, diesen Mitstreiter aus den Tagen meiner ersten Liebe zu Jesus, nicht wiederzuerkennen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war Zeit, meinen Weg zur\u00fcckzufinden.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tags: Gericht - Fundamentalismus - Dekonstruktion - Definition von Christentum - Evangelisation<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte nie gedacht, dass ich diese Erfahrung jemals machen w\u00fcrde. Aber des \u00d6fteren geschieht es nun, und kommt von \u00e4hnlich wohlmeinenden, \"radikalen\" Christen, wie ich es einmal war. Ich sehe es in ihren Blicken. Ihrem Z\u00f6gern und Nach-Worten-Suchen. Sie k\u00e4mpfen einen mir allzu bekannten Kampf: Sie fragen sich, wie sie mich bekehren k\u00f6nnen. 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