{"id":727,"date":"2022-03-25T16:54:30","date_gmt":"2022-03-25T16:54:30","guid":{"rendered":"https:\/\/judithforgoston.com\/?p=727"},"modified":"2024-03-08T09:36:33","modified_gmt":"2024-03-08T09:36:33","slug":"a-dangerous-easter-sunday","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.judithforgoston.com\/de\/2022\/03\/25\/a-dangerous-easter-sunday\/","title":{"rendered":"Ein gef\u00e4hrlicher Ostersonntag"},"content":{"rendered":"<p>Hin und wieder staune ich, wie unterschiedlich ich heute mein Leben als Nachfolgerin Christi\nerlebe, verglichen mit beispielsweise vor zehn Jahren. Letzten Sonntag wurde es mir einmal mehr bewusst.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ich stand im Chorgewand mit einer violetten Fastensch\u00e4rpe auf der Empore unserer Kirche, in\nReichweite hunderter silberner Orgelpfeifen, mit Blick auf die wundersch\u00f6nen Fenster und die\ngew\u00f6lbte, kunstvoll bemalte Decke der Kathedrale. Der Altarraum unter uns war vom\nMorgenlicht durchflutet, das durch die Buntglasfenster auf allen vier Seiten der Kirche fiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Herz war schwer. Seit einem Monat bete ich f\u00fcr das Volk und die F\u00fchrer der Ukraine sowie\nf\u00fcr die unz\u00e4hligen russischen Soldaten und Zivilisten, die sich diesen Krieg nicht ausgesucht haben. Einen Monat lang h\u00f6rte ich herzzerrei\u00dfende Geschichten \u00fcber Angst, Verlust und Schmerz von Menschen, die genauso sind wie wir. Es war ein Monat voller unbeantworteter Fragen, wie zum Beispiel: Warum? Wie lange noch? Und <em>wie siehst denn Du das, Gott?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">Unser Pfarrer betete f\u00fcr die Menschen in der Ukraine, und seine Gebete dr\u00fcckten die gleiche\nHilflosigkeit aus, die seine Gemeindemitglieder empfanden. Dann war es Zeit f\u00fcr unseren Chor\nzu singen. Ave Verum Corpus, in Mozarts ergreifender Version. Ich schaffte es fast bis zum Ende,\nbevor meine Tr\u00e4nen die Musik so sehr verwischten, dass ich keine Noten mehr erkennen konnte. Die Sch\u00f6nheit der Musik traf den Schmerz in meinem Herzen mit seltsamer Harmonie. Der mittelalterliche Text spricht vom Leiden Christi am Kreuz und seiner erl\u00f6senden Bedeutung f\u00fcr das Leben derer, die ihm nachfolgen. Und er scheint sich als eine geheimnisvolle \u201eAntwort\u201c auf meine stillen Fragen zu erweisen.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen Zeiten des Krieges wird deutlicher denn je, dass in der menschlichen Erfahrung Freude und Schmerz, Liebe und Leid miteinander verbunden sind. Es gibt kein Schwarz und Weiss. Diese Erfahrungen geh\u00f6ren zusammen, und sie sind auf eine Weise miteinander verbunden, die sich\nselbst dem eifrigsten Streben nach \"Wahrheit\" letztlich entzieht. Freude und Schmerz, Liebe und Leid verk\u00f6rpern das, was Theologen das Mysterium Christi nennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">Es ist dies das Mysterium, das Geheimnis eines Gottes, der sich dazu entschloss, die Welt nicht\nin Ordnung zu bringen, indem er das B\u00f6se ausl\u00f6scht und alle unter seine Herrschaft zwingt. Die\nVersuchung an jenem Tag in der W\u00fcste war realistisch: \"Ich will dir alle Reiche der Welt geben.\"\nEs war dies nicht nur eine Aufforderung zu herrschen, sondern alles in Ordnung zu bringen. Satan\nsagte: Ich gebe dir die Chance, alles Leid und Unrecht zu beenden und eine perfekte Welt zu\nschaffen, in der du f\u00fcr immer Herrscher sein wirst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">Aber Jesus wusste, dass selbst ein richtiges Ziel, wenn es auf die falsche Weise erreicht wird, zu\neinem falschen Ziel wird. Und deshalb, anstatt von einem irdischen Thron aus mit gro\u00dfer Fanfare\nzu regieren, entschied sich Gott, vom Kreuz aus mit gro\u00dfem Schmerz zu regieren - indem er unser\nLeid teilte, unseren Schmerz sah und mit uns in unsere Dunkelheit kam. Noch zweitausend Jahre\nsp\u00e4ter entzieht sich dies unserem Verstand. Es w\u00e4re doch so viel einfacher, die Rebellion und\nGrausamkeit der Menschheit mit einem so genannten \"Akt Gottes\" zu beenden. Ein simpler\nHerzinfarkt f\u00fcr einen bestimmten derzeitigen Spitzenpolitiker w\u00fcrde doch gen\u00fcgen. Die \"Guten\"\nbesch\u00fctzen und die \"B\u00f6sen\" bestrafen. Warum nicht, Gott?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">Die Schreiber der Psalmen befanden sich in der gleichen Zwickm\u00fchle wie wir heute. Wie viele Psalmen flehen Gott an, die Feinde Israels zu bestrafen und zu vernichten und sein eigenes Volk zu segnen? Oft beklagt der Verfasser desselben Psalms dann die Tatsache, dass die B\u00f6sen in Wirklichkeit oft Erfolg haben und ihre Pl\u00e4ne in Erf\u00fcllung gehen. Selbst Jesus sagte, dass der Vater im Himmel seine Sonne \u00fcber B\u00f6sen und Guten aufgehen l\u00e4sst und Regen \u00fcber Gerechte und Ungerechte schickt. Er sagt dies \u00fcbrigens, nachdem er seinen Nachfolgern befohlen hat, ihre Feinde zu lieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">Es ist klar, dass Gottes Wege uns heute genauso verwirren, wie sie es damals mit den Kindern Israels taten. Es beleidigt unsere Idee von Gerechtigkeit. Und doch - sind wir nicht froh, dass die Grenzen zwischen Gut und B\u00f6se nicht allzu eng gezogen sind? So sehr wir uns auch w\u00fcnschen, dass grausame Kriegsverbrecher bestraft werden, wollen wir wirklich Gerechtigkeit in den Bereichen unseres eigenen Lebens, in denen wir anderen wissentlich oder unwissentlich Unrecht getan haben? Wissen wir nicht alle intuitiv, dass wir t\u00e4glich der Vergebung Gottes bed\u00fcrfen, nicht nur Seiner Gerechtigkeit?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">Es scheint, dass das Kreuz f\u00fcr das moderne Christentum eine fast so gro\u00dfe Beleidigung darstellt\nwie f\u00fcr die Anh\u00e4nger anderer Religionen. Der Wunsch, Christus vom Kreuz zu entfernen, ist ein\nwesentlicher Faktor geistlicher Armut. Die evangelikale Kultur, zu der ich viele Jahre lang geh\u00f6rte,\nkann den Anblick eines leidenden Christus nicht ertragen - zumindest nicht \u00fcber ein paar Minuten\nin einem Passionsspiel hinaus, gefolgt von der grandiosen Auferstehungserz\u00e4hlung eines\ntriumphierenden Christus. Wir wollen den Sieg. Wohlergehen. Einfluss. Namen von\namerikanischen Kirchen wie Overcomers, Church of the Triumphant oder Victory Church bringen\nein Bed\u00fcrfnis zum Ausdruck \u2013 n\u00e4mlich, die Aufmerksamkeit von mitleidender Liebe weg und zu\netwas hin zu lenken, das mehr an Werbung f\u00fcr nationalistische Politik erinnert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">Fr\u00fcher habe ich mich ver\u00e4chtlich \u00fcber die Kruzifixe, die ich aus der katholischen Kirche meiner\nKindheit kannte, ge\u00e4u\u00dfert. \"Haben die den Ostersonntag vergessen?\", spotteten wir\nEvangelikalen, die wir stolz unsere leeren Kreuze trugen. Herr, erbarme dich.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8220;<em>Ostersonntag ohne Karfreitag ist nicht nur oberfl\u00e4chlich, sondern auch gef\u00e4hrlich.<\/em>&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">In Wirklichkeit hat sich das so genannte moderne Christentum in eine eindimensionale\nAngelegenheit verwandelt, die mehr vers\u00e4umt, als sie sich jemals vorstellen k\u00f6nnte. Ein\nOstersonntag ohne Karfreitag ist nicht nur oberfl\u00e4chlich, er ist gef\u00e4hrlich. Wenn wir nur den\nsiegreichen Christus sehen wollen, sehnen wir uns auch nach nur siegreichen Erfahrungen als\nChristen. Das bedeutet, dass wir unseren Schmerz und unser Leid begraben und verleugnen -\netwas, das ich in modernen christlichen Kreisen h\u00e4ufig erlebt habe.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem ist, dass Schmerz, der nicht vollst\u00e4ndig erlebt und geteilt werden kann, in Bitterkeit\nund Hass umschl\u00e4gt. Deshalb folgt heutzutage in vielen amerikanischen Kirchen auf ein\nhalbherziges Gebet f\u00fcr den Frieden schnell eine patriotische, politische Predigt gegen die \u00dcbel\ndes Kommunismus oder den geistlichen Krieg zwischen Ost und West. Es gibt keine Tr\u00e4nen. Keinen\nKummer. Keine Eingest\u00e4ndnisse der Hilflosigkeit. Nichts als ein oberfl\u00e4chliches Bed\u00fcrfnis nach\neinem fr\u00f6hlichen, pragmatischen Ostersonntag \u2013 unter Ausschluss des tiefen Geheimnisses von\nKarfreitag.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe eingangs gesagt, dass ich zuweilen \u00fcber den Unterschied in meiner christlichen\nErfahrung im Laufe der Jahre staune. Heute weine ich \u00fcber die Ukraine. Ich habe keine\nAntworten. Weder in geistlicher noch in praktischer Hinsicht. Stattdessen lasse ich mein Herz die\nmitleidende Liebe Christi am Kreuz erfahren, wie er die Grausamkeit der r\u00f6mischen N\u00e4gel damals\nund die Bomben Putins heute in seinen Leib aufnimmt. Liturgie und Sch\u00f6nheit helfen mir, meinen\nSchmerz nicht in Hass umzuwandeln, sondern mir die Gebrochenheit dieser Welt und die\nNotwendigkeit erl\u00f6sender Liebe bewusst zu machen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Er durch\nsolche Ungerechtigkeit lieben kann, aber ich w\u00fcnsche mir, es Ihm gleichzutun.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcnsche es mir, weil ich wei\u00df, dass nur der Weg des Kreuzes allein die Welt retten wird.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keywords: Sch\u00f6nheit \u2013 Geheimnis \u2013 Ostern \u2013 der Weg des Kreuzes<\/p>\n<p>Hin und wieder staune ich, wie unterschiedlich ich heute mein Leben als Nachfolgerin Christi\nerlebe, verglichen mit beispielsweise vor zehn Jahren. 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