{"id":756,"date":"2022-05-20T14:10:59","date_gmt":"2022-05-20T14:10:59","guid":{"rendered":"https:\/\/judithforgoston.com\/?p=756"},"modified":"2025-09-24T15:39:14","modified_gmt":"2025-09-24T15:39:14","slug":"organized-wonder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.judithforgoston.com\/de\/2022\/05\/20\/organized-wonder\/","title":{"rendered":"Organisiertes Staunen"},"content":{"rendered":"<p>\"Wissenschaft und Religion\" \u2013 kaum hatte ich das Thema eines Seminars einer jesuitischen Retraite bei mir in der N\u00e4he geh\u00f6rt, hatte ich mich auch schon schon angemeldet. Vor f\u00fcnfzehn Jahren w\u00e4re ich allerdings ebenso schnell vor einem solchen Thema gefl\u00fcchtet.\n\nDieser Post will also nicht verurteilen, sondern untersuchen, was so viele moderne Christen heute noch dazu bewegt, die Wissenschaft mit Leidenschaft abzulehnen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ich habe viele Jahre in einem christlichen Umfeld verbracht, das \u00fcber die Wissenschaft \u00e4hnlich dachte wie \u00fcber andere Religionen - etwas, das es zu retten gilt, wenn m\u00f6glich, und zu bek\u00e4mpfen, wenn nicht. Ein gutes Beispiel f\u00fcr das ungl\u00fcckliche Dilemma, in das diese Gruppen geraten sind, ist das verzweifelte Festhalten an der Vorstellung, dass die Welt etwa sechstausend Jahre alt ist (eine Zahl, die man erh\u00e4lt, wenn man das Alter der Familien und St\u00e4mme im Alten Testament seit Adam und Eva zusammenz\u00e4hlt). Und ich wei\u00df, warum viele Menschen trotz \u00fcberw\u00e4ltigender Beweise aus buchst\u00e4blich jedem Bereich der Wissenschaft immer noch an dieser Idee festhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend meiner Zeit mit diesen Gruppen von Christen war die h\u00e4ufigste Antwort, die wir wissenschaftlich orientierten Menschen gaben, \"Euer Gott ist zu klein\". Damit meinten wir, dass man Gott untersch\u00e4tzt, wenn man sich nicht vorstellen kann, dass er Dinge au\u00dferhalb wissenschaftlicher Erkl\u00e4rungen erschaffen k\u00f6nnte (bis hin zur Erschaffung von Dingen, die nur Milliarden von Jahren alt zu sein <em>scheinen<\/em> ). Gott kann tun, was er will, und wenn in der Bibel steht, dass Er die Erde in sechs Tagen erschaffen hat, dann hat Er das auch getan. Es ist <em>der Verstand der Wissenschaftler,<\/em> der bei der Vorstellung von Gottes F\u00e4higkeit, au\u00dferhalb wissenschaftlicher Fakten zu arbeiten, eingeschr\u00e4nkt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Zugegebenermassen habe ich mich immer unwohl gef\u00fchlt, wenn ich \u00fcber dieses Thema debattieren musste. Zum einen ist mein Vater Atomphysiker, und als ich aufwuchs, war die Wissenschaft eine Quelle positiven Staunens und Faszination f\u00fcr mich. Doch als ich mit sechzehn Jahren begann, Jesus nachzufolgen, schien die Wissenschaft pl\u00f6tzlich Fallen um meinen neu gefundenen Glauben herum zu stellen. Darwin wurde zum neuen Staatsfeind Nummer eins, dicht gefolgt von Steven Hawkins und anderen atheistischen Wissenschaftlern wie ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Mittelpunkt all dieses Misstrauens und der Angst stand die Frage der Loyalit\u00e4t. Und ich glaube, es ist dieselbe Frage, die auch heute noch Millionen von aufrichtigen Menschen dazu bringt, ihre Mitmenschen zu verleumden, zu hassen und in einigen F\u00e4llen sogar zu t\u00f6ten. Denn wenn Sie mir sagen, dass ich mich zwischen Gott und der Wissenschaft entscheiden muss (oder zwischen Gott und einer anderen Religion, oder zwischen meinem Land und einem anderen, oder zwischen meiner Rasse und einer anderen), werde ich dem treu sein, was mir wichtig ist, und mich gegen das \"Andere\" wehren. <strong>Nichts ruft bei einem Menschen eine verbissenere, heftigere und unbarmherzigere Reaktion hervor, als wenn man ihn davon \u00fcberzeugt hat, dass es nur zwei Seiten gibt, und er zwischen diesen Seiten w\u00e4hlen muss.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich pers\u00f6nlich empfand einen tiefen Verlust, als mein religi\u00f6ser Glaube mich dazu zu zwingen schien, eine wissenschaftliche Tatsache zu verwerfen, die mich zuvor in Erstaunen versetzt hatte. Nicht nur wurde ich in eine unangenehme Ecke gedr\u00e4ngt, wenn ich mit jemandem au\u00dferhalb meines Kreises sprach, sondern es zwang mich auch, Wissenschaftler als unwissend zu bezeichnen bei Themen, \u00fcber die sie viel mehr wussten als ich. Selbst f\u00fcr eine Sechzehnj\u00e4hrige (die nat\u00fcrlich so gut wie alles wei\u00df) klang das nicht nach der besten Idee.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute verstehe ich, dass was mich beim wissenschaftlichen Lernen ins Staunen versetzte, nat\u00fcrlich dieselbe Wurzel hatte wie das Staunen, das ich beim Lernen \u00fcber die Liebe, Vergebung und Sch\u00f6nheit Christi empfinde. Wenn wir uns nicht aktiv dagegen wehren, kann nichts, was von einem unendlich weisen, m\u00e4chtigen und f\u00fcrsorglichen Sch\u00f6pfer geschaffen wurde, das menschliche Herz unber\u00fchrt lassen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was ich nicht wusste, war, dass es nie nur zwei M\u00f6glichkeiten gibt.<\/strong> Wir leben in einer Welt der Unendlichkeit, nicht des Dualismus. Man kann Gott treu sein UND alle Erkenntnisse der seri\u00f6sen Wissenschaft voll akzeptieren. An die Bibel als von Gott inspiriert glauben UND wissen, dass die Erde 4,543 Milliarden Jahre alt ist. Ein engagierter Anh\u00e4nger Jesu sein UND Menschen anderer Religionen respektieren, lieben und von ihnen lernen. Tiefe ethische und moralische Werte haben UND dennoch Mitgef\u00fchl und Geduld gegen\u00fcber denjenigen zeigen, die unsere Werte verletzen. Man kann sogar neue Freiheiten finden UND immer noch versuchen, diejenigen zu verstehen, die in etwas feststecken, aus dem man entkommen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Retraite im Jesuitenzentrum war einmalig. Der Referent, ein Physikprofessor der Georgia Tech Universit\u00e4t, ist ein tief spiritueller Mann mit einem erfrischenden Sinn f\u00fcr Humor. Wer ihm zuh\u00f6rte, merkte, dass er selbst nach jahrzehntelanger akademischer T\u00e4tigkeit immer noch voll Staunen \u00fcber alles ist, was er studierte und nun lehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines der ersten Zitate, die Professor Cressler bei den Einkehrtagen vortrug, war:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Wissenschaft ist organisiertes Staunen.<\/p>\n\n\n\n<p>Technik ist angewandtes Staunen.<\/p>\n\n\n\n<p>Religion ist erlebtes Staunen.<\/p>\n<cite>Connor Johnson<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Warum wird der Glaube eines solchen Mannes durch die Erkenntnisse, die er als Wissenschaftler gewinnt, nicht bedroht? Vielleicht, weil ein wissenschaftlicher Christ ein Verst\u00e4ndnis von Gott braucht, das Raum zum Wachsen beinhaltet.<em>.<\/em> <strong>So wie sich die Wissenschaft weiterentwickelt, so wie unser Verst\u00e4ndnis der Welt w\u00e4chst, muss auch unser Verst\u00e4ndnis von Gott wachsen d\u00fcrfen. <\/strong>Damit meine ich nicht, dass wir Gott in unser neues wissenschaftliches Verst\u00e4ndnis pressen. Vielmehr anerkennen wir, dass wir Gottes Gr\u00f6\u00dfe nie je erfassen werden. Was wir neu entdecken mit der Wissenschaft, r\u00fcckt einfach mehr von Gottes gewaltiger, bereits existierender Sch\u00f6pfung ins Licht.<\/p>\n\n\n\n<p>Jahrelang hatte ich den Glauben als etwas betrachtet, das man empf\u00e4ngt, und dann bewahrt (und nat\u00fcrlich weitergibt). Wenn wir von Wachstum sprachen, dann meist davon, die Wahrheit, die uns gegeben wurde, gr\u00fcndlicher kennen zu lernen. Wachstum in Bezug auf meine Bibel zum Beispiel bedeutete, mehr in ihr und \u00fcber sie zu lesen und sie in meinem Herzen lebendig werden zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber in dem Ma\u00dfe, in dem meine Angst nachl\u00e4sst - die Angst vor dem Anderen, vor der dualistischen Wahl, vor der Bedrohung meines Weltbildes -, erwacht meine Neugierde wieder. Anstatt meinen Glauben zu konservieren, lade ich ihn ein, zu wachsen. Sich zu entfalten und zu vertiefen. Oder, im Beispiel von der Bibel: Ich bin nun bereit, sie im Licht der Weltgeschichte, von Kultur und Zeit, und sogar im Licht der Wissenschaft zu lesen. Nat\u00fcrlich wird dadurch einiges bedroht. Kann mein Glaube in diesem neuen Licht, in dem ich ihn sehe, standhalten? Werde ich mit dem Verlust einer spezifischen Gewissheit auch die anderen verlieren? Und was wird \u00fcbrig bleiben?<\/p>\n\n\n\n<p>Aber w\u00e4hrend ein sich weitender Glaube viele Gewissheiten und Dogmen verliert, erlaubt er gleichzeitig anderen Aspekten zu gedeihen: Aspekten wie Liebe, Mitgef\u00fchl und Staunen - und eine Hingabe an den Sch\u00f6pfer all dieser gewaltigen Wahrheiten, die keine dualistische Weltanschauung jemals h\u00e4tte hervorbringen k\u00f6nnen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keywords: Sch\u00f6pfung \u2013 Evolution \u2013 Glaube \u2013 John Cressler<\/p>\n<p>\"Wissenschaft und Religion\" \u2013 kaum hatte ich das Thema eines Seminars einer jesuitischen Retraite bei mir in der N\u00e4he geh\u00f6rt, hatte ich mich auch schon schon angemeldet. Vor f\u00fcnfzehn Jahren w\u00e4re ich allerdings ebenso schnell vor einem solchen Thema gefl\u00fcchtet.\n\nDieser Post will nicht verurteilen, sondern untersuchen, was so viele moderne Christen heute noch dazu bewegt, die Wissenschaft mit Leidenschaft abzulehnen.<\/p>","protected":false},"author":3,"featured_media":757,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_genesis_hide_title":false,"_genesis_hide_breadcrumbs":false,"_genesis_hide_singular_image":false,"_genesis_hide_footer_widgets":false,"_genesis_custom_body_class":"","_genesis_custom_post_class":"","_genesis_layout":"","_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":false,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2}},"categories":[14],"tags":[46,47,21,48],"class_list":{"0":"post-756","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-science","8":"tag-creation","9":"tag-evolution","10":"tag-faith","11":"tag-john-cressler","12":"entry","13":"no-grid","14":"first"},"aioseo_notices":[],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.judithforgoston.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/159503240_s.jpg?fit=848%2C565&ssl=1","featured_image_src":"https:\/\/i0.wp.com\/www.judithforgoston.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/159503240_s.jpg?resize=600%2C400&ssl=1","featured_image_src_square":"https:\/\/i0.wp.com\/www.judithforgoston.com\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/159503240_s.jpg?resize=600%2C565&ssl=1","author_info":{"display_name":"Judith Forgoston","author_link":"https:\/\/www.judithforgoston.com\/de\/author\/judith-forgoston\/"},"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/pfADN4-cc","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.judithforgoston.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/756","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.judithforgoston.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.judithforgoston.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.judithforgoston.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.judithforgoston.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=756"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.judithforgoston.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/756\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2216,"href":"https:\/\/www.judithforgoston.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/756\/revisions\/2216"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.judithforgoston.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/757"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.judithforgoston.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=756"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.judithforgoston.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=756"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.judithforgoston.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=756"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}