Was ist 70 Jahre alt und klingt, als wäre es gestern geschrieben worden? Was ist ein Science-Fiction-Roman, der zwei Power Players unserer Zeit beschreibt, als hätte der Autor sie persönlich gekannt - ein gleichzeitig beängstigendes, faszinierendes und hoffnungsvolles Werk? Die Antwort lautet: Jenseits des Schweigenden Sterns von C.S. Lewis.
Obwohl Weltraumgeschichten normalerweise nicht auf meinem Bücherstapel oder meiner Filmliste landen, gehören die drei Bücher aus Lewis' Weltraumtrilogie zu meinen Favoriten – voll poetischer Sprache, erstklassigem Inhalt und hochrelevanter Politik.
Im Schweigenden Stern, dem ersten Teil der Trilogie, der im England der 1950er Jahre spielt, kommen drei Hauptfiguren vor. Weston, ein brillanter, narzisstischer Wissenschaftler; Devine, ein kurzsichtiger und skrupelloser Geschäftsmann; und Ransom, ein ahnungsloser Philologe, der von den beiden anderen entführt und als Lösegeld benutzt wird. Weston sucht nach einem Weg, die Geschichte der Menschheit zu verewigen, und ist überzeugt, dass das sagenumwobene Malacandra - der Mond - nur der erste Schritt der Menschheit zur Erreichung dieses Ziels ist. Er gewinnt Devine und dessen Reichtum und Einfluss für sich, indem er ihm von den unschätzbaren natürlichen Ressourcen erzählt, die auf Malacandra zu finden sind. Sie entführen Ransom für den Fall, dass die vermeintlich wilde Bevölkerung von Malacandra ein Menschenopfer verlangen sollte.
Diese vor 70 Jahren geschriebene Geschichte erinnert erschreckend an die Schlagzeilen unserer Zeit. Ein über die Massen intelligenter Mann, egozentrisch und entschlossen, die Menschheit über die Grenzen dieser Erde hinaus voranzubringen. Ein skrupelloser und mächtiger Tyrann, der sein eigenes Vermögen vergrößern und seinen Namen in die Geschichte einschreiben will. Und ein gewöhnlicher Mann, der wie die gewöhnlichen Menschen unserer Zeit als Versuchskaninchen für die Experimente zweier machthungriger Männer benutzt wird. Wenn Sie bis jetzt noch nicht an Elon Musk, Donald Trump und sich selbst gedacht haben, dann – good for you! Sie füllen Ihre Zeit offensichtlich mit anderen Dingen als den Nachrichten.
Wie kam C.S. Lewis auf diese frappierende Ähnlichkeit zwischen zwei globalen Akteuren, mehr als ein halbes Jahrhundert bevor sie an die Macht kamen und sich sogar für eine Zeit lang zusammentaten? Weil Allianzen wie die zwischen Musk und Trump nichts Neues sind. Sie repräsentieren die Reiche dieser Welt – diesen Inbegriff des menschlichen Wunsches, jenseits von Gott zu herrschen.
Imperien weisen im Laufe der Geschichte und unabhängig von ihrer geografischen oder religiösen Zugehörigkeit auffällige Ähnlichkeiten auf. Sie haben einen Herrscher, der fast wie ein Gott verehrt wird. Sie häufen ihre Macht und ihren Reichtum auf dem Rücken von Sklaven, Einwanderern oder anderen Anbietern „billiger Arbeit” an. Sie verachten Regierungsformen, die auf Zusammenarbeit, Kompromissen oder Vielfalt beruhen. Und sie glauben immer, dass ihr jeweiliges Reich ewig bestehen wird.
Musk sagte kürzlich: „Die größte Schwäche der westlichen Zivilisation ist Empathie”. Wenn Ihnen diese Aussage vage bekannt vorkommt, dann deshalb, weil sie fast identisch ist mit Nietzsches Kritik am Christentum. Nietzsche war überzeugt, dass das Christentum die größte Bedrohung für unsere Welt darstellt, gerade weil es Empathie, Mitgefühl und Demut fördert. Und es ist kein Zufall, dass genau bei den Christen, die sich am engsten mit Trump verbünden, keine dieser Tugenden mehr sichtbar sind.
Musk und Nietzsche stehen mit ihren Aussagen in einer Reihe mit den Herrschern der Vergangenheit, deren größte Angst immer darin bestand, von Menschen betrogen zu werden, denen sie vertrauten – Beratern, Ehepartnern, Söhnen, Brüdern. Ein Herrscher behält seinen Kopf, indem er jedem misstraut, für niemanden Empathie empfindet, sich an die Spitze kämpft und vor nichts zurückschreckt, um dort zu bleiben. Und während sich die Wahl der Waffen oder Strategien von Jahrhundert zu Jahrhundert ändert, bleiben die Ziele und sogar die Methoden weitgehend dieselben. Gewinne um jeden Preis. Zeige keine Schwäche (oder Mitgefühl, Empathie oder Freundlichkeit). Fordere Loyalität. Male die Welt in Schwarz und Weiß, wir und sie, Freunde und Feinde.
In gewisser Weise könnte man sagen, dass Nietzsche Recht hatte, als er sagte, dass das Christentum den „Fortschritt” der Menschheit schwächt. Vielleicht hätten wir ohne Christus bereits Flaggen auf dem Mars gehisst, eine Einheitswährung geschaffen oder sogar die sogenannten „schwachen“ Formen der Menschheit ausgerottet. Aber die Frage ist nicht, wie schnell wir uns als Spezies weiterentwickeln, sondern in welche Richtung wir uns bewegen. Was ist das eigentliche Ziel unserer Spezies?
Weston ist C. S. Lewis' fiktive Antwort auf Nietzsches Idee des Übermenschen. Sobald er sich von der religiösen Ethik befreit hat, ist der moderne Mensch selbst die letzte Instanz dafür, was richtig ist. Daher sind alle Mittel, die der Mensch für notwendig erachtet, um seine Ziele zu erreichen, nun gerechtfertigt, solange sie zum Erfolg führen. Für Weston in dem Roman war das Ziel das Überleben unserer Spezies (ein darwinistisches Modell, das in gewisser Weise dem ähnelt, was Musk zum Ausdruck gebracht hat). Für Nietzsche ist das Ziel nicht das Überleben, sondern die Überwindung unserer heutigen Form des menschlichen Daseins und die Schaffung eines mächtigeren Wesens – des Übermenschen.
Und was ist mit Ransom, unserem dritten Protagonisten im Buch? Er kümmert sich weniger um das Schicksal der Menschheit als um das, was ihm in Hier und Jetzt begegnet. In der Begegnung mit den Bewohnern von Malacandra zeigt er Neugier, Demut und Freundlichkeit. Seine Haltung befähigt ihn auch, Oyarsa wahrzunehmen, das spirituelle Wesen, das alles zusammenhält. Ransom steht für Lewis' Überzeugung, dass echter Fortschritt nicht nur biologischer oder technologischer Natur sein kann, sondern auch ethischer Natur sein muss. Wann immer unsere Ethik dem Fortschritt im Wege zu stehen scheint, sind wir aufgefordert, einen Schritt zurückzutreten und das vor uns Stehende mit Neugier, Demut und Freundlichkeit zu betrachten.
Die Kontrolle loslassen, Macht und Einfluss ablehnen und neugierig, verspielt und barmherzig leben – C.S. Lewis wusste, dass dies das Gegenmittel für die größten Gefahren dieser Welt ist. Natürlich hat es immer seinen Preis, die Schwächeren nicht mit Füßen zu treten. Und vielleicht verhindert diese Art zu leben tatsächlich die Entwicklung eines Übermenschen – Gott sei Dank, würde ich hinzufügen.
Ich bleibe lieber in der bruchstückhaften und unvollkommenen Realität unserer menschlichen Erfahrung, denn dort entdecke ich, was die Schönheit des Menschseins ausmacht: unsere Fähigkeit, Freundlichkeit statt Kontrolle, Demut statt Sieg und Liebe statt blinden Fortschritt zu wählen.




Sehr geehrte Frau Forgoston,
ich habe Ihren Artikel gelesen und war sehr berührt. Ich bin ein Mensch, der aus einem anderen Land gekommen ist und sich in einem neuen Land ein Leben aufgebaut hat. Auf diesem Weg habe ich viele verschiedene Menschen getroffen – gute, ehrliche und hilfsbereite, aber auch manchmal egoistische Menschen, die nur an sich denken.
Für mich sind die wertvollsten Dinge im Leben gute Menschen, ehrliche Beziehungen und gegenseitige Unterstützung. Geld ist nicht alles. Es gibt Menschen, die viel Geld haben, aber trotzdem morgens nicht mit Ruhe und Glück aufwachen können. Der wahre Wert liegt in der Güte, im Respekt und in der Menschlichkeit.
Ihr Text hat mich an diese Wahrheiten erinnert und mir schöne Gefühle gegeben. Dafür danke ich Ihnen herzlich.
Mit freundlichen Grüßen
Alakbarova
Liebe Alakbarova, vielen Dank für deinen Kommentar – was du schreibst ist so wahr! Im Buch von Lewis findet Ransom dieses Glück genau aufgrund seiner tiefen Menschlichkeit, seinem Respekt gegenüber dem “Anderen” und seiner Demut in der Begegnung mit Oyarsa. Es klingt, als ob du in deiner Erfahrung mit neuen Menschen und neuer Heimat ebenso auf dein Herz hörst und darum ebenso diese Dimension des Lebens erfahren kannst.
Herzlich, Judith
Danke herzlich für den Hinweis der C.S. Lewis Bücher und die tolle Beschreibung! Ist Jahre her, seit ich Perleandra auf Englisch gelesen habe. Hab gleich alle Bände bestellt.
Freue mich auf die Anlässe mit Brian Zahnd und Paul Young!
Danke, fürs Organisieren!!
Barbara
Hoi Barbara, vielen Dank für deine Rückmeldung. Ich wünsche dir viel Spass beim Lesen der Trilogie, in der so viele Schätze versteckt sind!… und ich freue mich, dass ihr bei den Anlässen mit dabei sein werdet.