William Paul Young über eine Kindheit ohne Sicherheit, ein vollkommen verändertes Leben und eine Liebe, die nie aufgibt.
Der Autor des Bestsellers Die Hütte kennt die Tiefen seelischer und körperlicher Unsicherheit genauso wie den sicheren Anker der Liebe Gottes. Im Interview erzählt er von der Fortsetzung seines Romans, seinen Freunden im Todestrakt in Tennessee und wie er sich mit Jesus mitten in den Stürmen seines Lebens auf dem Boden eines Fischerboots schlafen legt.
Paul, du hast eine weite Reise hinter dir, bis du dich wirklich sicher gefühlt hast im Leben. Gibt es noch Dinge oder Menschen, die dich verunsichern?
Es gibt Momente, vor allem, wenn ich sehr müde oder krank bin – aber sie sind seltener geworden. Früher war ich ein zutiefst unsicherer Mensch. Als erstgeborener Sohn eines gewalttätigen Predigers und Missionars wurde mir der Perfektionismus geradezu in die Wiege gelegt. Ich lebte ständig von außen nach innen, getrieben von Selbstschutz und Selbstdarstellung. So baut man sich eine falsche Identität auf, die dann fortwährend geschützt werden muss.
Erst nach dem völligen Zerbruch meiner Lebensfassade habe ich mit viel Hilfe gelernt, mich in meiner eigenen Haut wohlzufühlen. Heute muss ich mich weder profilieren noch schützen, weil ich mit mir selbst im Frieden bin. Ich habe nach vielen Kämpfen gelernt, von innen her, aus der Sicherheit meiner Identität als Kind Gottes, zu leben.
Du bist im Dschungel von Neuguinea aufgewachsen – als einziges weißes Kind inmitten der Dani, einem indigenen Stamm jenseits moderner Zivilisation. Hast du dich in deiner Kindheit sicher gefühlt?
Im Gegenteil – meine Kindheit war von ständigen Gefahren geprägt. Da waren die Schlangen, von denen ich auch nachts mit Albträumen aufwachte, die alten Medizinfrauen, vor deren Stockschlägen ich mich fürchtete, und dann der sexuelle Missbrauch, den ich ab meinem fünften Lebensjahr innerhalb des Stamms und dann auch im Internat erlebte. Bis zum Eintritt ins Internat mit sechs Jahren war mir nicht einmal bewusst gewesen, dass ich weiß bin und nicht ursprünglich von den Dani abstammte. Die Rückkehr nach Kanada, als ich zehn war, brachte eine weitere Zeit tiefster Unsicherheit, da ich mich in der westlichen Kultur zutiefst fremd fühlte.
War zumindest Gott ein Ort der Sicherheit für dich?
Lange Zeit nicht, denn mein Bild von Gott entsprach dem meines eigenen Vaters – einem jähzornigen Mann, vor dessen Schlägen ich mich täglich fürchtete. Als mir in der Tradition meiner evangelikalen Erziehung erklärt wurde, dass Jesus ans Kreuz ging und sich auf brutalste Weise zu Tode foltern ließ, um uns vor dem Zorn eines heiligen Gottes zu schützen, dachte ich innerlich: „Nein, danke!“ Wie könnte ich mich je in der Gegenwart eines solchen Monsters sicher fühlen – einem Gott, der im Alten Testament Anweisungen zu geben schien, Neugeborene zu töten und Genozid an ganzen Völkern zu veranlassen? Dieser Gott war noch gefährlicher als mein gewalttätiger Vater. Einzig bei Jesus konnte ich von Anfang an Zuflucht finden. Noch heute ist die Vorstellung, mich mitten im Sturm neben ihn auf dem Boden eines Fischerboots schlafen zu legen, ein innerer Ort des Friedens.
Was hat dich schlussendlich zur Versöhnung mit Gott, dem Vater, geführt?
Es war ein langer Prozess, bei dem ich zuerst vieles wieder verlernen musste – vor allem die Lüge, dass Jesus mich mit seinem Erlösungswerk sozusagen vor Gott, dem Vater, beschützt. Darum erscheint in Die Hütte Gott auch nicht als weiße Gandalf-Figur mit langem Bart. Zu Beginn der inneren Reise von Mack, der Hauptfigur, die auch mich symbolisiert, erscheint Gott in weiblicher Form. Macks Vaterbild ist noch nicht genug geheilt, als dass er einem himmlischen Vater vertrauen könnte.
Entscheidend für mein heutiges Gottesbild war, dass ich die Wichtigkeit der Dreieinigkeit in der Schrift entdeckte. Ich verstand endlich, dass Jesus mich nicht vor dem Vater beschützte, sondern mir zeigte, wie der Vater wirklich ist. Vor Beginn der Welt hat Gott bereits in Gemeinschaft mit sich selbst gelebt – denn Gemeinschaft ist ja Voraussetzung für Liebe – und mich in diesen liebenden Tanz von Vater, Sohn und Heiligem Geist einbezogen. Es ist ein gegenseitiges Sich-Hingeben, Vertrauen, aber auch Mitleiden mit dem Anderen, den man liebt.
Wie hat sich das Fehlen jeglicher Sicherheit in deiner Jugend auf dein späteres Leben als Ehemann und Vater ausgewirkt?
Auf furchtbare Weise, wie du dir sicher vorstellen kannst. Ich habe meine Abhängigkeiten, meine Angst, mein egoistisches Bedürfnis nach Kontrolle und Perfektionismus in meine Ehe gebracht, viel zu hohe Erwartungen an meine Kinder gestellt und dadurch sehr viel Unheil angerichtet. Und doch … so zerbrochen ich war und so tief ich meine Verletzungen in meine Familie hineinschleppte, so sehe ich heute auch das Wirken des Heiligen Geistes in meinem Leben sogar in dieser Zeit. Gott vermag mitten in unserer Zerbrochenheit Schönheit zu bewirken, ohne dass Er der Verursacher dieses Zerbruchs ist. Für dieses Wunder bin ich unendlich dankbar. Ich konnte es damals nicht sehen, aber bereits teilweise leben.
Wer dich heute kennt, kann sich nur schwer vorstellen, dass du deinen Mitmenschen gegenüber verletzend und lieblos gehandelt hast.
Das kommt daher, dass der Heilige Geist ein versöhnendes Genie ist! Die Heilung und tiefe Freude, die heute mein Leben bestimmen, sind angesichts meiner Vergangenheit eigentlich unerklärlich. Als meine Frau Kim mich nach der Geburt unseres sechsten Kindes in einer Affäre mit ihrer besten Freundin ertappte, brach unsere Welt vollkommen zusammen. Ich hatte keine Ausreden mehr, keinen Fluchtweg. Ich war am absoluten Tiefpunkt meines Lebens angekommen und hatte nur noch die Wahl, mir entweder das Leben zu nehmen oder mich an die Hoffnung zu klammern, dass es sogar für jemanden wie mich einen Weg zur Veränderung gab.
In diesem Moment tiefster Verzweiflung rief ich den ersten Therapeuten an, den ich im Telefonbuch fand, und begann mit ihm die harte Arbeit hin zur Versöhnung mit mir selbst und meiner Familie. Das Buch, das ich elf Jahre nach meiner Affäre fertigstellte, markierte eine Art Kulmination dieses Heilungsweges.
Wie würdest du dein Leben heute beschreiben?
Ich lebe heute mit einer Freiheit, welche ich mir früher nicht einmal hätte vorstellen können. Die Angst vor einem wütenden, strafenden Gott hatte nicht einmal eine Spur echter Reue in mir bewirkt. Erst meine bodenlose Verzweiflung trieb mich schlussendlich in die Arme eines liebenden Gottes und in ein völlig neues Leben. Ich habe heute keine Abhängigkeiten mehr. Keine Geheimnisse. Freude ist meine ständige Begleiterin, und ich habe gelernt, ganz im Moment zu leben. Ich definiere mich nicht mehr über Dinge wie Erfolg oder Leistung, und mein Leben ist nicht mehr auf Ziele ausgerichtet. Es ist ein tägliches Wunder – ich sage oft, die Ganzheitlichkeit, die ich heute erlebe, liegt auf der „Gnadenseite der Unmöglichkeit“.
Ich verstand mit der Zeit auch, dass Gott mich nicht geheilt hatte, um mich nun „gebrauchen“ zu können. Sein Wirken an mir war ausschließlich von Liebe motiviert. Nie hat er mich mit Zorn oder Enttäuschung angesehen, sondern hat mir mit seiner verzehrenden Liebe immer wieder angeboten, das Lieblose aus meinem Leben wegzubrennen. Sein Zorn galt den Lügen, die mich davon abhielten, frei und unbekümmert zu sein. Und mit meiner Zustimmung zerstörte er diese Lügen Stück um Stück. Eine solche Arbeit geschieht nie ohne unsere Einwilligung, denn Gottes Wesen ist nicht das eines Richters, sondern das eines fürsorglichen Arztes.
Dein erster Roman handelte von Macks Begegnung mit dem Dreieinigen Gott während eines Wochenendes am Ort seines grössten Schmerzes. Worum geht es in deinem neuen Roman, der soeben erschienen ist?
(lacht) Ich hatte ja nie geplant, einen Roman zu veröffentlichen, und noch weniger, eine Fortsetzung dazu zu schreiben! Natürlich beschäftigen mich aber im Verlauf der Zeit Fragen wie diese: Kann ein Erlebnis, wie Mack es hatte – eine tiefe Gotteserfahrung – wirklich ein ganzes Leben verändern? Und ist eine solche Veränderung von Dauer?
Aber erst, als ich mich mit Männern aus dem Todestrakt in Nashville, Tennessee, anfreundete, wusste ich, dass ich einen Nachfolgeroman zur Hütte schreiben wollte. Ich stellte mir vor, dass der Mörder von Macks Tochter Missy sehr gut in der Zelle neben meinen Freunden auf seinen Tod warten könnte. Was würde es mit Mack machen, wenn er dem Mörder seiner Tochter in die Augen schauen müsste?
Das erste Buch konzentrierte sich auf die Geschichte von Mack – von mir –, der aus dem Gefängnis seiner Trauer und Verzweiflung auszubrechen versucht. Das neue Buch befasst sich mit dem Alltag, in den Mack zurückkehrt, und damit, wie die Gottesbegegnung seine Beziehungen zu seinen Mitmenschen beeinflusst.
Für manche Christen ist die Vorstellung schwierig, dass Gott auch Serienmörder liebt. Verstehst du diese Zurückhaltung gegenüber solch „grenzenloser Gnade“?
Unbewusst erleben viele von uns eine Art selbstgerechte Entrüstung, wenn wir an die Sünden anderer denken. Wir kategorisieren in verzeihbare und unverzeihbare Sünden, verurteilen dadurch andere und vergessen, dass jeder Mensch ein Geschöpf Gottes ist.
Eine weitere Hürde stellt die Angst dar, dass jemand mit einer Sünde einfach so „davonkommen“ würde. Aber es gibt nichts, das nicht eines Tages ans Licht kommen wird. Doch nur Liebe verändert eine gewalttätige Welt.
Dir wird aus manchen christlichen Kreisen vorgeworfen, du seist ein Universalist. Stimmt das?
Nein. Universalismus, wie alle -ismen, sieht die Welt durch die Brille von Dogma statt Beziehung und geht davon aus, dass Erlösung auch ohne das Werk Jesu erlangt werden kann. Ich hingegen bin überzeugt, dass unsere Erlösung auf der Menschwerdung, dem Leiden, dem Tod und der Auferstehung Christi beruht.
Ich glaube aber auch, dass dieses Werk Jesu von Anfang an alle Menschen miteinbezogen hat. Das Neue Testament ist voll von Beschreibungen dieses allumfassenden Werks, dieser bedingungslosen Annahme, dieses Dazugehörens aller Menschen. Die frühe Kirche war überzeugt, dass das Werk Christi vollkommen war – für immer und für alle.
Also kann wirklich niemand durch irgendetwas von der Liebe Gottes getrennt werden?
Ganz genau. Natürlich können wir uns von ihr abwenden, sie ignorieren, dagegen rebellieren … und unser Alltag wird sich entsprechend „gottlos“ anfühlen. Das ist es, was im Philipperbrief gemeint ist, wenn es heißt, dass wir unser Heil bewirken sollen: Wir lernen, unsere Handlungen, Worte und Gefühle der Wahrheit unseres Wesens in Christus anzugleichen. Aber egal, wie gut oder schlecht uns das gelingt: Wir sind Teil der Dreieinigkeits-Familie, aus der uns nichts und niemand je entfernen kann.
Was sprichst du LeserInnen zu, die mit dieser Theologie Mühe haben?
Ich ermutige zu einer Frage: Nach welcher Art Gottesbild sehnst du dich tief in deinem Innern? Ist es überhaupt möglich, dass du dir Gott liebevoller und barmherziger wünschen könntest, als er ist? Ich glaube, je großzügiger unser Gottesbild ist, desto stärker wird unser inneres Leben im Äußeren sichtbar. Das nennt die Bibel Metamorphose – wenn die Art, wie du lebst, denkst und fühlst, der erlösten Wahrheit deines Wesens zu entsprechen beginnt.
William Paul Young ist Autor von fünf Büchern, lebt mit seiner Frau Kim im US-Staat Oregon und liebt es, mit einem seiner 17 Enkelkinder im Gras zu liegen und Dinge in Kumuluswolken zu entdecken. Sein Roman Die Hütte wurde über 25 Millionen Mal verkauft und in über 40 Sprachen übersetzt.
Dieser Artikel erschien im Oktober 2026 in gekürzter Version im Amen Magazin von Campus für Christus Schweiz.




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