„Das Reich Gottes widersetzt sich allen weltlichen Maßstäben" – Ob ein Nachfolger Jesu diesen Satz glaubt oder nicht, zeigt sich in seinem/ihrem Umgang mit Ansehen, Erfolg und Einfluss. (Das Original dieses Artikels erschien im Mai 2026 im Magazin "Aufatmen" des scm-Verlags)
Wir waren müde. Enttäuscht und unsicher – aber vor allem müde. Jahrzehntelanges berufsmäßiges Christsein: vier Jahre in der Mission in Indien, die Leitung von Bibelschulen in Indien und der Schweiz und die Arbeit mit internationalen Gemeindeleitern – hatte uns in eine geistliche Erschöpfung geführt.
Unser christlicher Werdegang war einem radikalen, aber vermutlich nicht ungewöhnlichen Muster gefolgt: Bekehrung, Begeisterung, Festlegung (für mich an einer evangelikal-charismatischen Bibelschule in Colorado, wo ich auch meinen Mann kennenlernte). Danach der mutige Schritt als frischgebackenes Ehepaar in ein „Leben im Dienst“, in unserem Fall die Missionsarbeit in Indien. Eine Arbeit, die erfolgreich war, Zahlen aufweisen konnte – und damit aber auch die Frage aufwarf, nach welchen Kriterien wir eigentlich „Erfolg“ zu messen versuchten.
Solche Fragen werden nicht kleiner, je schwarz-weißer man denkt. So begannen wir über die Jahre hinweg, ein sogenannt „erfolgreiches Christentum“ zu hinterfragen. Dieser Weg führte uns schließlich aus der Missionsarbeit hinaus und hin zur Einsicht, dass weder ein dogmatisch-enges noch ein materialistisch-pragmatisches Christentum den Nöten, Fragen und Widersprüchen des echten Lebens standhält.
So haben wir unserer geistlichen Reise eine neue Richtung gegeben. Ausschlaggebend für unsere Entscheidung waren viele Dinge – nicht zuletzt das Unwohlsein, das wir in unserer Position als „Berufs-Christen“ empfanden. Die unausgesprochene Erwartung drückte uns, dass wir von Erfolgen und Wachstum berichten sollten – wo doch stattdessen unbequeme Fragen und unorthodoxe Ideen am meisten zu unserem inneren Zuhause gehörten.
"Eine andere Landkarte"
In der TV-Serie „The Chosen“ gibt es einen fiktiven Dialog zwischen Matthäus und Jesus, der sich auf die Bergpredigt vorbereitet. „Ich will eine Art Landkarte erstellen, wie die Menschen zu mir finden können“, verrät Jesus und diktiert Matthäus die berühmten Worte eines Königreichs, das wie eine umgekehrte Pyramide anmutet – die Armen empfangen den Himmel, die Gewaltlosen das Erbe, die Hungernden das Brot. Er zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die Matthäus ebenso wenig vertraut war wie uns heute. Entsprechend wundert sich der Jünger: „Wie ist das denn eine Landkarte zu dir hin?“ Und Jesus antwortet: „Wenn jemand mich finden will, muss er sich mit Menschen umgeben, die auf diese Art leben.“ Ein Leben nach den Prinzipien der Bergpredigt – das ist nicht nur schwierig, sondern scheint mir dem Modell von Erfolgszahlen, Wachstum und Überzeugungskraft, dem sich eine wachsende Zahl theologischer Strömungen verschrieben hat, diametral entgegengesetzt.
In den Südstaaten der USA, wo wir nach unseren Missionsjahren fast zehn Jahre lebten, beobachteten wir Jahr für Jahr den Vormarsch solcher Theologien. Sie wollen die Säkularisierung der Gesellschaft mit Mitteln aufhalten, die genau den Prinzipien dieser säkularen Gesellschaft entsprechen. Man kauft sich politischen Einfluss, man verkündet eine „Wir gegen die Anderen“ -Philosophie und wirbt mit religiöser Kriegsrhetorik, die der Bergpredigt entgegengesetzt ist. Es ist eine Entwicklung, die auch vor Europa nicht Halt gemacht hat. Für uns wurde sie so toxisch, dass wir uns über die Jahre von der Bibelschule, von unserer Arbeit und vom evangelikalen Umfeld überhaupt verabschiedeten.
Nicht jedoch von Jesus. Denn die Landkarte, die Jesus vorschlägt – so leise, schwer zu fassen und noch schwerer umzusetzen sie auch ist –, ist die Reise wert. Je mehr wir uns von der lauten Rhetorik militanter Christen verabschiedeten, desto sehnsüchtiger wurde die Suche nach Gemeinschaften, in denen Barmherzigkeit, Friedfertigkeit und Schwäche gelebt werden durften.
Wie schwer uns das Umarmen von Schwäche fällt, sieht man zum Beispiel daran, wie schnell in manchen Gemeinden vom Karfreitag zum Ostersonntag geeilt wird. Da ist das Kreuz ein notwendiges Übel, um zur eigentlichen Botschaft, der des Sieges Jesu, vorzudringen. Wir stellen uns Jesus gern vor, wie er, reingewaschen und mit seinen Feinden unter seinen Füßen, zur Rechten Gottes herrscht. Das Kreuz ist eine unschöne Erinnerung, die langsam verblasst.
Doch von den Kirchenvätern der katholischen und orthodoxen Tradition lernen wir, dass das Kreuz kein Umweg zum Ziel war. Der US-amerikanische Autor und Pastor Brian Zahnd sagt: „Christus regiert nicht durch das Überwinden des Kreuzes – Christus regiert vom Kreuz.“ Was Zahnd damit ausdrückt: Christus hat nicht für eine kurze Zeit, sozusagen als Tarnung, Schwäche gezeigt, sodass er später in umso größerer Stärke regieren konnte. Er hat uns vielmehr gezeigt, dass wahre Stärke vom Kreuz herab regiert, in Mitleid und Nächstenliebe, im Zorn gegenüber Ungerechtigkeit und in Barmherzigkeit gegenüber den Schwachen.
"Barfüßene Vorbilder"
Persönlich erlebte ich das vor allem in Begegnungen mit Menschen, die die Landkarte der Bergpredigt am eigenen Leib leben. Da ist zum Beispiel William Paul Young, der Autor der Hütte.Von ihm lernte ich, dass Gott uns nicht einfach heilen will, damit wir ihm uneingeschränkt dienen oder „sein Reich bauen“ können. Young sagt vielmehr, dass Gott uns zum Spielen einlädt. Zum Kindsein. Unbekümmert, ohne Agenda, und mit überschwänglicher Freude.
Wir sind eingeladen, uns auf dem heiligen Boden der Geschichten anderer Menschen zu bewegen. Auf diesem heiligen Boden habe ich keine Aufgabe zu erledigen, niemanden zu überzeugen oder zu rekrutieren. Stattdessen darf ich meinem Gegenüber begegnen. Ich darf mit-gehen und mit-fühlen. Statt den Militärstiefeln der Armee Gottes bewege ich mich wie schon Mose barfuß und damit behutsam auf diesem heiligen Boden meines Gegenübers. Ich fühle den Schmerz, höre die Fragen, verstehe die Zweifel und sehe die Person. Ich versuche nicht, Probleme zu lösen, sondern ich möchte anwesend sein. Leise und unscheinbar webt Gott dadurch einen Teppich seiner Gnade auch in den unspektakulärsten Begegnungen.
Ein weiteres Vorbild ist mir Rachel Held Evans, die vom "Großartigen Scheitern" spricht und uns einlädt, unsere erfolgloseste Seite zu zeigen. Nicht nur werden wir dadurch nahbarer, wir ermutigen auch unser Gegenüber, dass Versagen nicht von der Nachfolge disqualifiziert. Gerade denjenigen von uns, die beruflich mit dem Christsein zu tun haben, fällt diese Einladung manchmal besonders schwer.
„Meine Gnade ist alles, was du brauchst. Meine Kraft zeigt sich in deiner Schwäche.“ Viele Jahre hatte ich diesen Vers aus 2. Korinther 12,9 so verstanden, dass das Eingeständnis meiner eigenen Unzulänglichkeit die Bühne für Gottes gewaltige Taten freigibt. Doch diese Sichtweise geht auch wieder davon aus, dass wir nach Stärke und Erfolg suchen – nur nicht mehr durch uns selbst, sondern durch Gott.
Aber was, wenn die Stärke gar nicht das Ziel ist? Was, wenn die Frucht nicht im Überwinden der Schwäche liegt, sondern darin, deren Wert zu erkennen? Was, wenn Gott nicht an erfolgreichen Menschen interessiert ist, sondern vielmehr an solchen, durch deren Schwäche und Unzulänglichkeit er uns sein Herz zeigen kann? Was, wenn er uns die folgenden Worte sagt:
Selig die, die keine Antworten haben, denn Antworten waren nie das Ziel.
Selig, die vor mir weinen, denn ich begegne ihnen zutiefst in ihrem Schmerz.
Selig, die den Lauten das letzte Wort lassen, denn ihre unausgesprochenen Worte sind kostbar vor mir.
Selig, die sich voll Sehnsucht nach einer besseren Welt wiederfinden, denn diese Sehnsucht habe ich selbst in ihr Herz gelegt.
Selig, die sich lieber besiegen lassen, statt Gewalt anzuwenden. Ihr Kreuz steht aufrecht neben meinem.
Selig, die gelernt haben, die Dinge der Welt mit offenen Händen zu halten. Ihr Vertrauen und ihre Demut sind kostbar in meinen Augen.
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Ein persönliches Beispiel einer solchen „Theologie der Barmherzigkeit“ hat nochmals mit dem Autor Paul Young zu tun. Ich hatte ihn über gemeinsame Freunde kennengelernt und verschiedene Veranstaltungen mit ihm besucht, auf denen wir einander besser kennenlernten. Daraus entstand ein intensiver schriftlicher Kontakt, in welchem wir über Verluste, Schmerz und die Hoffnung, die uns trägt, austauschten.
Mit der Zeit merkte ich, wie in mir eine Sehnsucht wach wurde, dass Paul Young nicht nur die Person kannte, die ich heute bin – die Autorin, Bloggerin, Mutter, Ehefrau und all die Hüte, die ich sonst trage. Ich wollte, dass er mich sah, wie ich mich zur schwierigsten Zeit meines Lebens fühlte: mit fünfzehn. Soeben die Scheidung meiner Eltern durchlitten, unsicher, unwohl im eigenen Körper und mit jedem Aspekt meines damaligen Teenager-Daseins. Seit vielen Jahren hatte ich kein Foto mehr von mir aus dieser Zeit hervorgenommen. Hatte diese Zeit verdrängt, aufgeräumt, mich entwickelt und herausgeputzt.
Doch mein tiefster Wunsch war, in meiner Schwäche und Verletzlichkeit gesehen zu werden. Ich wollte, dass die Menschen, die mir wichtig sind, nicht einfach die Judith sehen, die das Leben im Griff hat, sondern auch die, die noch immer von Unsicherheit und dem Bedürfnis nach Zuneigung umgetrieben ist. Also hängte ich meiner nächsten Korrespondenz mit Paul das peinlichste, in meinen Augen hässlichste Bild von meiner Teenagerzeit an und stellte ihm die 15-jährige Judith vor, die noch immer in mir lebt, sodass er „uns beide“ kennenlernte.
Aus unserer Schwäche zu leben, öffnet den Raum für die überwältigende Schönheit der Unvollkommenheit. Genauso ist das Reich Gottes: eine auf den Kopf gestellte Pyramide der vertrauensvollen Hingabe, bedingungslosen Annahme und barmherzigen Liebe, die in dieser Welt überhaupt keinen Sinn macht.
Obwohl es sich unserem Verstand immer wieder entzieht, sind wir eingeladen, dieses Mysterium zu umarmen und uns davon ergreifen lassen. Nicht nur in Momenten der besonderen Nähe zu Gott, sondern im Alltag: in Fotos aus unseren schwersten Teenagerzeiten, im unbekümmerten Kindsein, im Verstehen der Geschichten meiner Mitmenschen, im Akzeptieren meiner eigenen Unzulänglichkeit.
Ich darf diese Landkarte mitgestalten. Auf ihr ziehe ich die Militärstiefel aus und gehe barfuß in Richtung Barmherzigkeit.
Das Original dieses Artikels erschien im Mai 2026 im Magazin "Aufatmen" des scm-Verlags. www.aufatmen.de




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